Warum man bei dieser GNTM-Folge als Zuschauer am liebsten einschreiten wollte

Wie wird man Model? Die jüngste Folge von „Germany’s next Topmodel“ hat da am Donnerstagabend einiges als Antwort parat. Zum Beispiel, sich an die Konkurrenz nähen zu lassen. Oder nackt am Strand einen Uhrzeiger nachzustellen. Glauben Sie nicht? Ist aber so.

Eine KritikvonChristian Vock

Diese Kritik stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Gehen wir jetzt einfach mal davon aus, dass Sie „Germany’s next Topmodel“ nicht deshalb gucken, weil es wirklich von allen Dingen das Beste ist, was Sie an einem Donnerstagabend tun können. So freudlos kann Ihr Leben gar nicht sein. Wenn wir also davon ausgehen, dann bleibt Raum für ein kleines Experiment.

Überspringen Sie doch einfach mal die erste Viertelstunde der jüngsten Folge und steigen dann erst ein. Dann sehen Sie plötzlich, wie aneinander genähte Ratiopharm-Zwillinge über einen lackierten Laufsteg taumeln, über zwei Stufen steigen, um sich dann von Heidi Klum anzuhören, wie wenig elegant das Ganze doch ausgesehen hat. Ja, da reibt man sich die Augen und will ganz dringend mal lüften, um einen Sauerstoffmangel auszuschließen.

Schaltet man die Folge hingegen von Anfang an ein, dann, und das ist das eigentlich Faszinierende an dem Experiment, erscheint einem trotzdem nichts davon in irgendeiner Art von Sinn erfüllt. Das geht schon mit den ersten Sekunden los. „Diese Woche ticken die Uhren ein bisschen anders. Denn los geht’s ausnahmsweise mit einem Walk“, erklärt die Klum und dieser Satz ergäbe tatsächlich einen Sinn – wäre man zum Beispiel Straßenbahnfahrer. Da würden die Fahrgäste nämlich in der Tat Augen machen, würde man statt die Bahn zu steuern, erst einmal durch die Reihen stolzieren. Aber ein Model sollte doch nicht überrascht sein, wenn die Woche mit einem Walk beginnt.

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Aber die Damen werden schon irgendwie wegstecken, dass die Woche mit einem Walk beginnt. Jedenfalls erklärt kurz nach Ankunft eine ältere Dame, die von Heidi Klum als eines der „aktuell angesagtesten Models der Welt“, Maye Musk, identifiziert wird, den Model-Azubis die Bedingungen des Walks: „Ihr werdet über eure Haare und Kleidung miteinander verbunden. Ihr werdet wie Zwillinge aussehen.“ Das erklärt zumindest schon einmal die spätere Ratiopharm-Szene, aber nicht das Warum dahinter.

Aber um das Warum hat man sich bei „Germany’s next Topmodel“ noch nie geschert, stattdessen ist hier wichtiger, dass es immer irgendeine Art von Disharmonie gibt. Und da muss die Klum offenbar gar nicht lange warten. „In Zweier-Teams müssen mich die Models beim Walk überzeugen. Doch nicht alle sind mit ihrer Gegenspielerin zufrieden“, stellt die Klum fest. Aber, nichts für ungut: Deswegen heißt es wahrscheinlich „Gegenspielerin“. James Bond hätte wohl auch lieber gegen Dr. Snuggles gekämpft, musste aber gegen Dr. No ran. Hat sich darüber aber nie beklagt.

Bei Vivien und Noella bietet sich aber für den Schnitt die Gelegenheit, den Umstand, dass die beiden offenbar lieber jemand anderen als Partner gehabt hätten, zu einem ordentlichen Gemaule zusammenzuschneiden mit der Option, daraus später noch einen größeren Streit zu basteln. Etwas zahmer geht sich da die Meinungsverschiedenheit zwischen Model Martina und ihrer Tochter Lou-Anne aus. Da ist der Streit für die Produktionsfirma nur so lange interessant, bis sich die beiden den kalten Kaffee des Werbepartners aus dem Automaten ziehen wollen müssen.

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Maye Musk spricht „ein bisschen Deutsch“

Irgendwann ist man dann also aneinander geknotet und genäht und bevor die Damen im Duett über den Laufsteg wackeln, entdeckt die Klum bei Maye Musk eine Besonderheit: „Ich kann es gar nicht glauben, dass Sie auch ein bisschen Deutsch sprechen“, sagt die Klum und die Musk antwortet: „ein bisschen Deutsch“.

Das klingt spannender als es tatsächlich ist. Denn Frau Musk meint offenbar nicht, dass sie ein bisschen Deutsch sprechen kann, sondern dass sie „ein bisschen Deutsch“ sprechen kann. Aber nur „ein bisschen Deutsch“ sprechen zu können, ist viel weniger, als ein bisschen Deutsch sprechen zu können.

Aber wir verlieren uns in Nebensächlichkeiten, denn inzwischen sind wir bei eingangs beschriebener Ratiopharm-Szene angelangt, die immer noch keinen Sinn ergibt. Umso mehr, als die Klum dann allen Ernstes bei einem der Walks fordert: „Ich wünsche mir ein bisschen mehr Eleganz.“ Da will man als Zuschauer einschreiten und sagen: „Frau Klum, wenn Sie sich ein bisschen mehr Eleganz wünschen, sollten Sie vielleicht einfach eine andere Show machen oder als Kompromiss diesen Quatsch mit der Zusammennäherei lassen.“

So weit also zum Wochenbeginnswalk, kommen wir nun zur dritten Phase unseres Experiments. Denn überspringt man gleich die erste Stunde, dann erscheint plötzlich doch wieder alles ganz logisch und man denkt sich: „Ach, guck mal an, da hängt ein goldenes Nackt-Model an einer riesigen Uhr am Strand und spielt den Zeiger. Na klar, das gehört so, das muss das GNTM-Nacktshooting sein.“ Spätestens jetzt wäre es an der Zeit, sich um ein bisschen Psychohygiene zu kümmern, wenn einen solche Szenen nach 17 Jahren „Germany’s next Topmodel“ nicht mehr irritieren.

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Aber natürlich spielt für die Klum weder eine Rolle, wie es dem Zuschauer dabei geht, noch, ob das Ganze etwas mit dem Modelvorbereitungskurs zu tun hat, der GNTM ja angeblich sein soll. Und so erklärt die Klum in drei Sätzen, was sie sich diesmal für ihre Models ausgedacht hat: „Für dieses Shooting verwandeln sie sich in Uhrzeiger.“ „Heute müssen sie echt mal zeigen, dass sie auch ein bisschen sportlich sind.“ Und: „Auch die Outfits sind heute speziell: Meine Models tragen Farbe. Nur Farbe.“ Und schon hängt das erste goldbesprühte Modell schneller nackt an der Uhr, als man Kuckuck rufen kann.

Doch während man in keiner Weise rekonstruieren kann, wer wie wann und vor allem warum auf diese Idee gekommen ist, entpuppt sich die Sache mit der Nacktzeigersimulation als ein einziger Kampf: Lieselotte kämpft gegen ihr Schamgefühl, Noella kämpft mit dem Verstehen der „Zeiger-Uhr“, Sophie kämpft mit ihrem Gesichtsausdruck, Lena kämpft mit „zu vielen Zeigern“, Vivien kämpft mit der Frage, ob sie beim Streit mit Noella Opfer oder Täter ist und Anita kämpft mit der Angst, dass ihre „Arme brechen“.

Kleiner Spoiler: die Arme halten. Trotzdem ist Anita am Ende eines von drei Models, die diesmal „wackeln“. Also im Sinne von „nicht sicher in der nächsten Runde sein“. Sähe sonst komisch aus.

So aber stehen Amaya, Anita und Sophie vor Heidi Klum und Fotograf und Gastjuror Brian Bowen Smith, um sich deren Urteil abzuholen. Die stecken ihre Köpfe zum gemeinsamen Gedankenflohmarkt zusammen, ob sie nicht irgendwelche Gründe finden, warum man die eine oder andere heute nach Hause schickt. Am Ende ist es Amaya, die die Sache mit der TV-Model-Ausbildung erst einmal ruhen lassen kann.

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