"Habt ihr keine Mutter zu Hause, die das gerne guckt?"

„Das Traumschiff“ nimmt in seiner 93. Episode Kurs auf Mauritius. In knapp 90 Minuten versucht man in alter Manier mit drei Geschichten den Zuschauer auf Reisen zu schicken. Das gelingt! Aber nur, wenn man dafür die Augen zumacht.

Vielleicht kann man es mit den Hits von Modern Talking vergleichen. Irgendwann hatte Dieter Bohlen, Komponist und kreativer Kopf hinter dem Duo den Dreh raus, welche Melodien es braucht, um einen Treffer zu landen. Von dieser Erfolgsformel wurde nicht mehr abgewichen, auch wenn es Kritiker gibt, die sagen, die Lieder klingen allesamt ähnlich. Was aber zählt, ist der hohe Wiedererkennungswert. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier.

Seit nunmehr 40 Jahren schippert „Das Traumschiff“ über die Weltmeere. In der an diesem Ostersonntag ausgestrahlten 93. Folge nimmt es Kurs auf Mauritius. Viel wurde und wird über „Das Traumschiff“ gemeckert. Altbacken sei das Format, angestaubt und inzwischen auch ziemlich weltfremd.

„Und am Schluss kommt die Eisbombe“

Werfen wir zuerst einmal einen Blick auf die Art, wie man beim „Traumschiff“ Geschichten verpackt. Einer der Verantwortlichen für das Storytelling ist der Drehbuchautor Jürgen Werner. Er hat Aberdutzende Drehbücher geschrieben, nicht nur für „Das Traumschiff“. An ihm kommt niemand vorbei, leider wohl auch keiner, der eine neue, tolle Idee hat. Werner ist der Mann hinter den Geschichten. Und auch er hat eine Formel, die für ihn den Erfolg der Serie ausmacht und die er im Jahre 2016 in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ einmal verriet: „30 Minuten auf dem Schiff, 30 Minuten an Land, dann wieder zurück aufs Schiff, und am Schluss kommt die Eisbombe.“

Die „Traumschiff“-Crew: Staff-Kapitän Martin Grimm (Daniel Morgenroth), Hoteldirektorin Hanna Liebhold (Barbara Wussow) und Kapitän Max Parger (Florian Silbereisen) (Quelle: Dirk Bartling / ZDF)

Auch Werner sind die Kritiken am „Traumschiff“ bekannt. Das Problem: Sie scheinen bei ihm nicht nur auf taube Ohren, sondern auch auf Protest zu stoßen. „Zynisch“ seien für ihn diese Nörgeleien. Sie kämen oft von Leuten, die „das Produkt (…) und die Zuschauer fertigmachen“ wollen. Er denke sich dann immer: „Habt ihr keine Mutter zu Hause, die das sonntags gerne guckt? Das sind doch nicht alles Idioten.“

Aber liegt das Problem, Geschichten mit den ewig gleichen Spannungsbögen zu versehen, nicht vielleicht auch daran, dass sie alle aus nahezu ein und derselben Feder stammen? Von einem Autor, der stur nach der Modern-Talking-Formel zu verfahren scheint?

Dauerbeseelt alle dunklen Wolken weglächeln

So wird auch in der neuesten Episode der Intellekt des Zuschauers keineswegs überstrapaziert. Drei Geschichten plätschern wie eh und je rammdösig nebeneinanderher. Die Schiffsärztin Dr. Jessica Delgado (Collien Ulmen-Fernandes) hat Stress mit ihrem Vater Bernd (Wolfgang Stumph), weswegen sie NATÜRLICH von keinem Geringerem als Kapitän Max Parger (Florian Silbereisen) höchstpersönlich getröstet werden muss, während die Rolle von Crewmitglied Hanna Liebhold (Barbara Wussow) – einst eingeführt als „starke Frau mit weiblichem Charme“ – meist darin besteht, dauerbeseelt alle dunklen Wolken wegzulächeln und ihre Untergebenen zu maßregeln.

Und dann ist da auch noch Roman Hilbert (Helmut Zierl), der auf eine vierzig Jahre jüngere Frau stößt, die ihn an seine verstorbene Gattin erinnert und ihn – na klar! – innerhalb weniger Minuten lehrt, wie wichtig Familie ist und er sich schnell mit seinem Sohn aussöhnen muss. Was er selbstverständlich sofort macht.

Auf der Reise nach Mauritius hat Dr. Jessica Delgados (Collien Ulmen-Fernandes, M.) Probleme mit ihrem Vater Bernd Delgado (Wolfgang Stumph). (Quelle: Dirk Bartling / ZDF)

Dazwischen sehen wir malerische Strände, die in der Natur schöner als jeder Instagram-Filter sind – fragt sich nur wie lange noch! Denn das Thema Klima wird für die Quote gern ausgeblendet. Natürlich ist man gegen Verschwendung und für Klimaschutz, aber nicht in der heilen „Traumschiff“-Welt. Dafür muss man sich schon in die Abteilung Dokumentationen in der ZDF-Mediathek begeben.

Wir, die Zuschauer sollten nicht – wir müssen sogar – „Das Traumschiff“, so wie es bis dato über die heimischen Bildschirme flimmert, kritisch hinterfragen. Und zwar muss das möglich sein, ohne dafür als arrogant oder zynisch abgestraft zu werden.

Die Beratungsresistenz der Verantwortlichen hinter den Kulissen, die diesen TV-Koloss mit unseren Gebührengeldern verschwenderisch über die Meere schippern lassen, als wäre es 1984, sie muss aufhören! Und wenn man jungen, talentierten Drehbuchautoren und Filmemachern eine Chance gibt, ist damit nicht die eigene, interne Mischpoke gemeint, die sich munter fröhlich die Aufträge zuschanzt.

Zynische Kritiker und ein neuer Pitch

Viele namenhafte Crew-Mitglieder haben den TV-Dampfer längst verlassen. Dafür kommen neue. Leute mit einer großen Social-Media-Reichweite, guten Beziehungen oder mit einem ausgebufften Management, das teilweise agiert, als würde es die gesamte Unterhaltungsbranche fluten wollen.

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Aber hey, vielleicht sollten die zynischen Kritiker, die immer nur meckern und alles madig machen wollen, sich einfach ein Hobby zulegen! Mal eine Urlaubsreise mit dem Schiff unternehmen! Oder Briefmarken sammeln. Oder beides miteinander verbinden, wie die Eheleute Budarek (Janina Hartwig, Andreas Hoppe), die in der aktuellen Episode für die Blaue Mauritius nach Mauritius aufbrechen.

Hier eine hollywoodreife Idee für den nächsten Plot: Ein Hersteller von mathematischen Messgeräten, dessen Unternehmen einst florierte, hat seine ganze Kohle im Casino verjubelt. Der Geschäftsmann war überregional wegen seiner bunten geometrischen Figuren nur als Dreiecks-Dennis bekannt. Er geht an Bord des „Traumschiffs“, wo er durch ein geschicktes Ablenkungsmanöver die gesamte Crew besoffen macht und Kurs auf das Bermudadreieck nimmt. In letzter Sekunde kommen Sascha Hehn, Nick Wilder und Til Schweiger um die Ecke und überwältigen Dreiecks-Dennis. Die wilde Dreier-Combo legt an einer der Bermuda-Inseln an, wo man gemeinsam an einem Pitch feilt, den Harald Schmidt aber schon längst in der Tasche – und an Netflix verkauft hat.

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