Der will nur spielen: Der Kieler "Tatort" lässt den Psychopathen Kai Korthals wieder frei

Der schüchterne Frauenmörder besucht seinen besten Freund: In „Borowski und der gute Mensch“ kehrt Lars Eidinger zum letzten Mal als Kommissar Borowskis gefährlichster Gegenspieler Kai Korthals zurück. Aber regelmäßiges Zähneputzen macht noch keinen guten „Tatort“.

Eine Kritikvon Iris Alanyali

Ein echtes „Tatort“-Ereignis: Kai Korthals ist wieder da. Der Psychokiller und Erzfreund von Klaus Borowski. Zwei Kieler „Tatort“-Episoden lang begeisterten Lars Eidinger als Frauenmörder Korthals und Axel Milberg als Kommissar Borowski Kritiker und Zuschauer mit ihrem Zusammenspiel: Sie waren Jäger und Gejagter in wechselnden Rollen, sie fühlten mal Verzweiflung und mal Überlegenheit, sie hatten Respekt, Verachtung oder Verständnis vor- und füreinander.

„Tatort“ aus Kiel: Wiedervereinigung von „besten Freunden“

Im ersten Teil bedrohte Korthals Borowskis Kollegin Sarah Brandt, im zweiten zerstörte er die Beziehung zu Borowskis großer Liebe Frieda Jung. Jetzt, im dritten Teil, nennt der Killer den Kommissar seinen „besten Freund“. Die beiden kommen sich näher.

„Borowski und der gute Mensch“ hat einen starken Einstieg: Der „Tatort“ als Feuertheater. Die Therapeutin der forensischen Klinik, in der Korthals mit anderen eingeschränkt schuldfähigen Gewalttätern sitzt, lässt ihre Patienten „Die Räuber“ von Friedrich Schiller proben. Es wird gelitten und gebrüllt, und plötzlich verwandeln sich die Darsteller in echte Aufständische. Korthals mittendrin. Lars Eidinger, der gefeierte Theaterschauspieler, ganz in seinem Element.

Ein konzentrierter, kontrollierter Wahnsinn bricht sich Bahn. Kai Korthals nutzt das Chaos, stiftet noch mehr Chaos und kann inmitten der Flammen fliehen – der Frauenmörder muss nur eben noch seine Therapeutin vor einem Angriff seiner Mitgefangenen retten und die Übeltäter bestrafen.

„Ich bin kein schlechter Mensch“, der Satz, auf den Korthals schon in den ersten beiden Teilen bestanden hat, ist das Leitmotiv dieses „Tatort“. Und sein Problem.

Denn plötzlich wollen Sascha Arangos Drehbuch und Ilker Cataks Regie uns mit an absurde Komik grenzender Penetranz und ungewohnt platter Symbolik davon überzeugen, dass der arme Kai nur ein ganz Sensibler ist. Der Psychopath als Pitbull aus dem Tierheim: Der will doch nur spielen!

So wie der misshandelte Mischlingshund, den Korthals vom Schrottplatz rettet. Nachdem er den Besitzer erwürgt hat. Und dann schenkt er den Hund der blinden Seelsorgerin Teresa (Sabine Timoteo), die ihm liebevolle Briefe in die Klinik geschrieben hat – nach dem herausragenden „Reiz des Bösen“ aus Köln gleich der zweite „Tatort“ in Folge, in dem Frauen sich in Fernbeziehungen mit verlorenen Seelen hineinträumen.

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Mila Sahin bewahrt als einzige einen kühlen Kopf

Der Teresa tut der Kai nichts, mit ihr führt er nur traurige Gespräche. Später wird Teresa den Kommissaren und damit also auch uns begriffsstutzigen Zuschauern erklären: „Da ist etwas absolut Gutes in ihm, und ich kann das sehen.“ Die Klischee-Blinde, die mit dem Herzen sieht. Es ist aber auch ganz praktisch, wenn man nicht mitansehen musste, wie der gute Kai einer Radlerin den Skalp vom Schädel schnitt und ihre blonden Haare als Perücke benutzte.

Die Einzige, die in dem Haufen Frauenmörderversteher einen kühlen Kopf zu bewahren scheint, ist Kommissarin Mila Sahin (Almila Bagriacik), die sich zunehmend über ihre Kollegen wundern muss. Sogar Borowskis Freund, Polizeichef Roland Schladitz (Thomas Kügel), kann sich der Faszination Serienkiller nicht entziehen. Lust- und geradezu ehrfurchtsvoll erzählt er Mila Sahin von der persönlichen Verbindung, die zwischen Borowski und Korthals besteht.

In „Borowski und der stille Gast“ war Kai Korthals 2012 der Psychopath, der es sich in den Wohnungen seiner Opfer unbemerkt gemütlich machte, sich die Zähne mit der Zahnbürste von Frauen putzte, die er später grausam ermordete. In „Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes“ wurde 2015 niemand getötet, aber Korthals‘ Irrsinn war nicht weniger entsetzlich – und der Grund dafür, dass Borowskis Beziehung zerbrach.

Und jetzt? Die Zahnbürste ist vom Unheil verkündenden Symbol der Zudringlichkeit zum Running Gag verkommen. Borowski und Schladitz reden ständig nur von „Kai“, als wär er ein alter Studienfreund, der ein bisschen auf die schiefe Bahn geraten ist. Borowski gibt sich kühl und professionell. Aber als er seinem Kai so nahe rücken kann wie selten, hadert er, staunt und glotzt.

Nur Mila Sahin rollt mit den Augen und erinnert daran, dass auch ein schuldunfähiger Gewalttäter ein Gewalttäter ist, der möglichst schnell aus dem Verkehr gezogen werden sollte. Ihre Skepsis trägt entschieden dazu bei, dass das Drama um den armen Hund nicht vollends zur küchenpsychologischen Seifenoper gerät.

Kai Korthals hat ausgespielt

In den ersten beiden Teilen machte die Vermenschlichung des Monsters seinen Wahnsinn nur noch furchteinflößender, aber „Borowski und der gute Mensch“ schießt im Bestreben, Kai Korthals als tragischen Antihelden zu zeichnen, übers Ziel hinaus.

Richtig peinlich wird das nur selten, und richtig großartig ist dieser „Tatort“ manchmal trotzdem – Sascha Arango ist einfach Spezialist fürs Böse im Menschen und Menschliche im Bösen (er erlaubt sich übrigens einen kurzen Gastauftritt gegen Ende der Folge: Der graumelierte Bartträger, der in Borowskis Büro tritt und nach dem Kommissar fragt, ist der Autor). Und Ilker Catak gelingt es mit Judith Kaufmanns Kamera immer wieder, dieses Oszillieren in eindrucksvolle Fernsehbilder umzusetzen. Außerdem haben sie ja Lars Eidinger und Axel Milberg – die können einfach nur spielen, und das geht selten schief.

Aber dass „Borowski und der gute Mensch“ als Abschluss der Korthals-Trilogie angekündigt wird, ist eine Erleichterung. Kai Korthals hat ausgespielt. Er findet ein angemessenes Ende.

Mehr Infos zum „Tatort“ finden Sie hier

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