Teresa Enke: "Robbi" ist heute noch viel im Familienleben präsent

Am 10. November 2009 begeht Nationaltorhüter Robert Enke im Alter von 32 Jahren Schienensuizid. Nur einen Tag später macht Teresa Enke, 45, seine Depression in einer bewegenden Pressekonferenz öffentlich.

Roberts Todestag jährt sich dieses Jahr zum zwölften Mal. Wie lebt man als Ehefrau mit einem solchen Verlust weiter? Wie erklärt man seiner Adoptivtochter, warum sich Papa umgebracht hat? Darüber spricht Teresa im "Mental Health Matters"-Interview.

Etliche Jahre wurde Robert Enkes Depression geheim gehalten. Die Mutter der heute 12-jährigen Leila musste unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit mit einem depressiven Partner leben. Wie sie diese Zeit und die Tage direkt nach dem Tod ihres "Robbis" erlebt hat, erzählt sie im GALA-Gespräch.

Teresa Enke: “Robbi hatte Angst, dass man dann mit dem Finger auf ihn zeigt”

Ihr Mann hat damals seine Depression verschwiegen und seinen Krankheitsausfall 2009 mit einer "bakteriellen Infektion" begründet. Wieso?
Wenn man ganz oben ist und dann sagt: "Ich habe eine Depression", schwingt die Angst mit, stigmatisiert zu werden. Robert hatte Angst, dass man dann mit dem Finger auf ihn zeigt und dass andere denken, dass ein Torhüter doch mental fit sein müsse. Aber das eine hat mit dem anderen ja nichts zu tun. Es ist eine Krankheit wie ein Kreuzbandriss. In dem Moment ist man nicht so leistungsfähig, aber nach der Therapie kann man seine Arbeit wieder aufnehmen. Doch damals war die Depression noch relativ unbekannt – im Gegensatz zu heute.

Ihr Mann hat sich 2009, während seiner schweren depressiven Phase, gegen eine stationäre Therapie entschieden. Wissen Sie, weshalb?
Ich glaube, bei Robbi war nicht die Klinik das Problem. Das eigentliche Problem war: Wenn er sich einweisen lässt, kann er seine Depression nicht mehr geheim halten. Deshalb kämpfe ich in der Stiftung auch dafür, dass es für Sportler Möglichkeiten gibt, im Training zu bleiben und trotzdem eine Therapie machen zu können.

“Ich habe mit einer Hülle zusammengelebt”

Wie war es für Sie, als Angehörige, mit einem depressiven Partner zu leben?
Ich habe mitgelitten, musste aber auch erst mal akzeptieren, dass mein Mann eine Depression hat. Ich hatte davor keinerlei Berührungen mit der Erkrankung. Anfangs habe ich nicht verstanden, wieso er nicht aufstehen und rausgehen konnte. Ich musste erst mal begreifen, dass das für Betroffene kaum möglich ist. Das ist, als würde man jemandem die Beine amputieren und zu ihm sagen: "Komm, jetzt gehen wir eine Runde Joggen."

Schlimm war, dass er in seiner depressiven Phase keine Gefühle mehr zeigen konnte. Ich habe mit einer Hülle zusammengelebt.

weil er wusste, dass er durch seine Krankheit viel Schlimmes in der Familie verursacht. Viele denken, wenn sie nicht mehr da sind, geht es allen besser. Das führt oft zu Suizidgedanken.

Bei Angehörigen von psychisch Kranken kann eine gewisse Form der Co-Abhängigkeit entstehen. Wie haben Sie sich damals davor geschützt?
So richtig geschützt habe ich mich nicht, auch weil dieses Versteckspiel viel Kraft gekostet hat. Aber ich habe in der Zeit, in der Robert in Therapie oder im Stadion war, versucht, mich um mich zu kümmern. Ich bin mit den Hunden spazieren gewesen und habe Sport gemacht. Ich habe versucht, ohne schlechtes Gewissen am Leben teilzunehmen.

Was raten Sie Angehörigen und Freunden im Umgang mit einem depressiven Menschen?
In erster Linie ist die eigene mentale Hygiene zwingend erforderlich. In diesem stressigen Alltag aus Job, Kindern und der Erkrankung des Partners ist es gut, andere Menschen um Hilfe zu fragen. Eigene Pausen sind wichtig zur Stressminimierung. Im Umgang mit Betroffenen – gerade in der Pandemie – ist es wichtig, darauf zu achten, ob sie gerade einfach nur genervt sind oder überhaupt nicht mehr vor die Tür gehen wollen. Bei einer schweren depressiven Phase sollte man die Telefonseelsorge anrufen oder die Robert-Enke-Stiftung.

Hilfen bei Depressionen

Erkennen Sie bei sich Anzeichen einer Depression? Beim überregionalen Krisentelefon unter 0800 1110111 wird schnell und anonym geholfen! Weiterführende Informationen gibt es außerdem bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Woher haben Sie damals die Kraft genommen, nur einen Tag nach dem Tod Ihres Mannes mit seinem Suizid an die Öffentlichkeit zu gehen?
Das war spontan. Nach Roberts Tod saß ich mit dem Pressesprecher und dem Manager bis nachts um vier zusammen. Man hat überlegt, ob man die Wahrheit erzählt oder eine Geschichte. Ich saß wie paralysiert daneben. Wir waren alle überfordert. Irgendwann hab ich gesagt, dass ich spreche und alle haben mich fragend angeschaut. Ich wollte erzählen, was er hatte, weil ich es die ganze Zeit nicht konnte und damit es keine Spekulationen gibt.

Ich wusste nicht, ob ich das überstehe. Ich habe davor nie in der Öffentlichkeit geredet. Robbi hat immer gesagt: 'Wenn man dir ein Mikro hinhält, dann kommt nichts raus.'

“Was mir am meisten zu schaffen gemacht hat, waren die Paparazzi”

Wie haben Sie die Zeit kurz nach dem Suizid Ihres Mannes erlebt?
Die ersten zwei Wochen danach war ich wie in so einer Blase. Was mir zu schaffen gemacht hat, waren die Paparazzi, die vor meinem Haus gelauert haben. Ich habe unsere Tochter damals an die Haushälterin abgegeben, holte sie aber nach drei Tagen wieder zurück. Ich habe versucht, am Alltag teilzunehmen, obwohl mir überhaupt nicht danach war.

Nach den ersten zwei Wochen begann die schwierigste Phase nach der Beerdigung, wenn die Menschen, die einen unterstützen, wieder in den Alltag zurückkehren. Ich hatte keine Freude mehr am Leben, aber ich wollte am Leben festhalten – wegen meiner Tochter, wegen der Tiere. Ich hatte eine Verantwortung.

Ich habe ganz fest daran geglaubt, dass ich wieder glücklich werde.

Hatten Sie dennoch Schuldgefühle?
Ich habe natürlich mit mir gehadert. Gerade im ersten Jahr nach Roberts Suizid habe ich oft an jede einzelne Minute dieses Tages zurückgedacht. Ich habe überlegt, ob ich hätte reagieren können, wenn ich fünf Minuten eher losgefahren wäre. Im Grunde bin ich mit mir im Reinen. Ich hab alles getan. Ich war immer an Roberts Seite, aber diese Krankheit war einfach stärker.

Teresa Enke hat ihr Trauma in einer Klinik aufgearbeitet

Haben Sie sich professionelle Hilfe geholt, um das Geschehene zu verarbeiten?
Zwei Jahre später, 2011, bin ich mit meiner Tochter spazieren gewesen. Es war ein toller, verschneiter Wintertag. Leila hat noch nicht wirklich gesprochen, sie war zwei Jahre alt. Ich hätte diesen Moment gerne mit Robert geteilt. Tränen liefen mir die Wange hinunter.

Ich habe mir direkt eine Klinik gesucht, die mir geholfen hat, das Trauma aufzuarbeiten. Denn nach zwei Jahren war diese Traurigkeit noch so stark und hat auch meine Tochter beeinflusst. Es darf nicht sein, dass meine kleine Tochter mich trösten muss. Das geht nicht.   

Was denken Sie, was in der Erziehung von Kindern eines depressiven Elternteils wichtig ist?
Man muss dem Kind Offenheit und Verständnis vermitteln. Mir haben damals die Psychologen geraten, dass ich meine Trauer nicht vor meinem Kind verstecke solle. Trotzdem glaube ich, dass ich Leila anfänglich zu arg an der Trauer hab teilhaben lassen.

Eine Psychiaterin hat später zu mir gesagt, dass man Kindern ruhig erklären könne, was eine Depression sei und dass Robert an der Krankheit gestorben ist. Es gibt auch tolle Kinderbücher, die helfen, eine Depression zu erklären, wie zum Beispiel "Papas Seele hat Schnupfen". Denn Kinder quälen sich mit der Frage nach dem Warum. Wenn man ihnen die Krankheit begreifbar macht, dann wissen sie, dass sie nichts dafür können.

Robert Enke ist auch heute noch viel im Familienleben präsent

Wie ist das Familienleben seit Roberts Tod und was haben Sie getan, damit ihr Mann im Leben von Ihnen und Ihrer Tochter Leila präsent ist?

An seinem Todestag oder zu Leilas Geburtstag kommt auch heute noch Robbis Mutter zu Besuch. Tot ist erst derjenige, über den nicht mehr geredet wird.

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Hat sich seit dem Suizid Ihres Mannes im Jahr 2009 etwas am öffentlichen Bild von Depressionen verändert?
Ich finde, es hat sich enorm viel getan. Die Akzeptanz ist da. Die Menschen reden viel offener und öfter über psychische Erkrankungen. Viele Unternehmen wissen mittlerweile, dass mentale Gesundheit eine sehr wichtige Rolle spielt. Aber natürlich ist noch viel Platz nach oben. Das liegt eben daran, dass man eine Depression nicht sehen und zum Beispiel in einem MRT feststellen kann.

Information zu Hilfsangeboten

Sie haben suizidale Gedanken? Die Telefonseelsorge bietet Hilfe an. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/1110111 und 0800/1110222 erreichbar. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der “Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention”.

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