"Sie war verängstigt"

Kasia Lenhardt ist mit 25 Jahren gestorben. Die Ex-Freundin von Jérôme Boateng hatte zuvor mit massiven Anfeindungen zu kämpfen. Besteht da etwa ein Zusammenhang?

Am 2. Februar 2021 nimmt das Drama mit dem Titel “Kasia Lenhardt und Jérôme Boateng haben sich getrennt” seinen Lauf. Es könnte eine private Sache bleiben, dramatisch zwar für das 25-jährige Ex-GNTM-Model und den Fußballstar von Bayern München, aber immerhin nicht ausgetragen auf öffentlicher Bühne. Doch in den sozialen Medien gärt es schon länger und der Profikicker gibt der “Bild”-Zeitung ein großes Interview. Die reine Information, dass er nach 15 Monaten Beziehung nicht mehr mit der Mutter eines sechsjährigen Sohnes zusammen ist, wird zur Nebensache. 

Der 32-Jährige beschuldigt seine Ex, ihn erpresst zu haben und unter “massiven Alkoholproblemen” zu leiden. Die größte deutsche Boulevardzeitung fährt die Geschütze auf, die Schlammschlacht beginnt. Kasia Lenhardt schießt nicht aus solchen Sprachrohren, kündigt ihren 175.000 Followern auf Instagram aber am selben Tag an: “Ich werde mich definitiv äußern, muss mich jedoch sammeln. Bitte gebt mir Zeit.” Nur eine Woche später, am 9. Februar 2021, wird die 25-Jährige tot in einer Wohnung in Berlin Charlottenburg aufgefunden. 

Ein Zusammenhang zwischen dem Tod, der Trennung und dem anschließenden Rosenkrieg ist nicht belegt. Die Polizei schließt Fremdverschulden aus, kann nach aktuellem Ermittlungsstand aber nichts über die Todesursache bekanntgeben und auch sonst keine Details verkünden. Eine Obduktion habe bislang nicht stattgefunden. Die Familie von Kasia Lenhardt spricht in einem Schreiben von dem “unerwarteten Tod unserer geliebten Tochter” und fordert “Respekt und Zurückhaltung” in den Medien, “was unsere Tochter in jüngster Vergangenheit teils schmerzlich vermissen musste”.

Am Mittwoch nach Bekanntwerden der Trennung hat sich Kasia am späten Nachmittag einer Frau anvertraut: Saina Bayatpour. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin der “Business Women’s Society” und berichtet nun im Gespräch mit t-online: “Kasia hatte sich entschieden, trotz der vielen Presseanfragen ihre Geschichte bei uns zu erzählen, um andere Frauen auch zu ermutigen, sich nicht einschüchtern zu lassen. Weder von der Presse, noch von ihren Männern.” Die beiden Frauen telefonierten lange miteinander, über Anfeindungen, den öffentlichen Druck und die Verunglimpfungen, die Kasia Lenhardt ertragen muss.

“Sie war verängstigt”, berichtet Bayatpour und erklärt die Angst der 25-Jährigen damit, dass aus ihrem “Bekanntenkreis vieles nach Außen getragen” worden sei und “dass sie daher Angst hatte, überhaupt noch etwas zu erzählen”. Sie habe sich “bloßgestellt” gefühlt, so die Gründerin des Frauennetzwerkes. “Sie verstand einfach nicht, warum er sich an die Presse gewandt hat.” Er, das ist Jérôme Boateng, der nach dem Bekanntwerden von Kasias Tod vorzeitig von der Klub-WM aus Katar abreiste

Dass Kasia Lenhardt nun tot ist, habe Saina Bayatpour “sehr schockiert”, denn für diese Woche waren die Frauen für Interviews verabredet: “Ich hatte den Eindruck, mit einer starken Frau zu telefonieren, die nicht nur kämpfen, sondern auch als Vorbild für andere Frauen dienen wollte.” Die Unternehmerin und Dozentin ist sich sicher, “dass es nicht förderlich für ein junges Mädchen war, dass sie öffentlich so angriffen wurde” und formuliert ihre Theorie auf den plötzlichen Tod so: “Vielleicht hat ihr dann genau das noch den Rest gegeben.”

“Eine Meute, die glotzt, anstachelt und hofft, dass es knallt”

Die sozialen Medien sind nun voll mit Trauerbekundungen und dem Appell nach einem fairen Umgang miteinander. So teilte unter anderem Cheyenne Ochsenknecht via Instagram die Nachricht: “Ich hoffe, dass die ganzen Leute endlich aufwachen und aufhören mit diesen Beleidigungen und Hassnachrichten.” In einem weiteren Posting ergänzt sie: “Das zeigt einfach noch mehr, wie sehr Cybermobbing Leben zerstören kann”. Auch der Psychologe Nils Mecklenburg bestätigt diesen Eindruck im Gespräch mit t-online und erklärt: “Hier hatten wir es offenbar mit Hatespeech zu tun, welche sich durch Bedrohungen und Negativrhetorik auszeichnet und inhumane sowie inzivile Elemente enthält.”

Nils Mecklenburg: Machte in Erlangen seinen Magister in Psychologie und Medienwissenschaften und weist mehr als 13 Jahre Berufserfahrung als Psychologe und Gesundheitsmanager auf. (Quelle: Privat)

Mecklenburg arbeitet bei “Procedo – die Bildungspartner” in Berlin, berät Menschen in Krisensituationen und bietet als Anlaufstelle für Cybermobbing Beratungen an. Aus seiner Berufserfahrung heraus beschreibt er das Phänomen, welches bei öffentlich ausgetragenem Streit immer wieder zu beobachten ist, so: “Man kann sich das wie eine Schlägerei vorstellen, bei der eine Meute drumherum steht, glotzt, anstachelt und hofft, dass es knallt.”

Die Hassrede würde sich, laut wissenschaftlicher Erkenntnisse, besser im Netz verbreiten als Liebe und Sympathie. Gruppendynamiken seien dafür verantwortlich: “Durch das Teilen und Weiterführen von Hatespeech entsteht das Sicherheitsgefühl, Teil einer Gruppe zu sein, der vermeintlich ‘richtigen’ Gruppe.” Influencer seien eine besonders gefährdete Personengruppe bei Anfeindungen, so Mecklenburg: “Influencer sind wie so viele Personen des öffentlichen Lebens Individuen, die oftmals sehr allein sind. Sie können sich häufig niemandem anvertrauen. Und dennoch veröffentlichen sie ihre Meinung und ihr Privatleben. Dadurch sind sie einem enormen Druck ausgesetzt, der auch schnell zur Überbelastung werden kann.”

“Der Wunsch nach Macht ist die Motivation”

Der Wunsch nach Aufmerksamkeit schlage mit solchen Anfeindungen wie Kasia Lenhardt sie erleben musste ins Gegenteil um: “Die Personen ziehen sich ins Private zurück, isolieren sich und auf psychologischer Ebene entstehen depressive Effekte, obwohl sie sich in den sozialen Netzen doch eigentlich offenbaren wollten.” Die 25-Jährige musste sich anhören, die Familie von Jérôme Boateng “zerstören” zu wollen, “falsch” zu sein und “toxisch” auf ihre Mitmenschen einzuwirken – noch die harmloseren Kommentare, die in den sozialen Medien zu ihr zu finden waren, nachdem die Trennung bekannt wurde. Auch nach ihrem Tod finden sich in den Kommentarspalten abfällige Bemerkungen: Kasia sei eine “egoistische Frau”, heißt es auf ihrem Instagram-Profil unter einem Bild.

“In solchen Momenten sind Dehumanisierungs-Prozesse zu beobachten. Die Person wird nicht mehr als Mensch gesehen, sondern als Objekt, das beleidigt und vernichtet werden kann”, erklärt Mecklenburg am Telefon. Dabei bestünde die Mehrzahl der Menschen aus “Mitläufern”, die aus “Angst und Unwissenheit mitmachen”. Bei den Anführern der Gruppe, den sogenannten “Anheizern”, sei hingegen eine andere Motivationslage festzustellen: “Der Wunsch nach Macht ist die Motivation, die Stärkung der eigenen Position in einer Gruppe und der Wunsch danach als Leitfigur wahrgenommen zu werden. Oft passiert das auch, um eigenes Unvermögen auszublenden.”

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Der Tod einer 25-jährigen Frau sorgt nun dafür, dass wieder einmal viel über Cybermobbing und Hatespeech gesprochen wird. Ein Phänomen, welches durch die wachsende Bedeutung der sozialen Medien immer mehr zum Problem wird. Ein Beispiel aus der Forschung: Waren es im Jahr 2017 noch 12,7 Prozent der Schülerinnen und Schüler, sind es 2020 bereits 17,3 Prozent, die von Anfeindungen, Drohungen und Einschüchterungen betroffen sind. Das “Bündnis gegen Cybermobbing” wies jüngst auf diese Entwicklungen hin und verschickte einen Infobrief – auch, weil die Corona-Pandemie die Lage verschärft habe. Am 2. Februar dieses Jahres ging das Schreiben an die Öffentlichkeit. Der selbe Tag, an dem das Drama um Kasia Lenhardt seinen Lauf nahm.

Hinweis: Falls Sie viel über den eigenen Tod nachdenken oder sich um einen Mitmenschen sorgen, finden Sie hier sofort und anonym Hilfe.

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