Ross Antony: Nach Missbrauch erst Jahre später in Therapie

"Ich kann mich noch an alles erinnern. An die Lavalampe, die im Zimmer stand und wie die Bettwäsche gerochen hat." Ross Antony, 46, wurde im Alter von zwölf Jahren sexuell missbraucht – von zwei jungen Männern aus der Nachbarschaft. Wie verarbeitet man ein solch traumatisches Erlebnis? Er habe die Tat lange verdrängt, erzählt der Schlagersänger im "Mental Health Matters"-Interview.

Ross Antony ist durch endlostiefe Täler gegangen. Das Letzte: der Tod seines geliebten Vaters 2017. Der Ex-"Bro'Sis"-Star habe nur noch sein leeres Bett vorgefunden. Er kam zu spät. In seinem neuen Buch "Gute Laune glitzert und glänzt", das am 07. Mai erscheint, beschreibt er, wie er all das überlebte und gibt Tipps. Denn heute tanzt er durchs Leben und das wünscht er sich für andere auch.

Ross Antony: “Sie haben gemerkt, dass ich das nicht wollte”

GALA: Mit ihrem neuen Buch wollen sie anderen helfen, mit Krisen besser umzugehen. Sie selbst wurden vor vielen Jahren missbraucht.
Ross Antony: Das werde ich nie vergessen. Die Tat wurde von den jungen Männern Louis und Thomas so verkauft, als ob das, was sie getan haben, in Ordnung war. Sie haben gemerkt, dass ich das nicht wollte. Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass sich das nicht normal anfühlte.

Jahre später haben Sie Ihre Peiniger zur Rede gestellt – was wichtig für Ihre Heilung gewesen war.
Ich habe den Tätern damit gezeigt, dass ich stärker bin. Sie sollten merken, dass sie nicht geschafft haben, mein Leben zu ruinieren. Ich habe ihnen diese Last aufgebürdet, dass sie mit der Tat leben müssen – und nicht ich.

Was hat diese traumatische Erfahrung mit Ihnen gemacht?
Ich habe das für eine gewisse Zeit versucht zu verdrängen – bis ich 32 Jahre alt war und endlich darüber sprechen konnte.

Wem haben Sie sich dann anvertraut?
Das war Paul. Es war erst schwer für mich, darüber zu reden, da ich die ganze Zeit dachte, selber etwas falsch gemacht zu haben. Aber dem war natürlich nicht so.

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“Ich dachte, eine Therapie brauchen nur kranke Leute – nicht ich”

Sie haben erst viele Jahre später eine Therapie in Anspruch genommen. Wieso?
Ich wollte erst keine Therapie machen, weil ich dachte, dass nur kranke Leute so was brauchen. Das stimmt aber nicht. Die Therapie hat mir wahnsinnig geholfen, mich zu öffnen. Das war eine große Erleichterung für mich.

Was haben Sie über sich gelernt?
Ich habe gelernt, mich nicht als Opfer zu sehen, da ich keinerlei Schuld trage und zu dem zu stehen, was passiert ist. Ich habe auch gelernt, nicht immer alles alleine zu verarbeiten und dass es kein Problem ist, Fehler zu machen.

Ross Antony rettete einem Fan das Leben

Eine Frau – ein Fan von Ihnen – wollte sich wegen ähnlicher Erlebnisse das Leben nehmen. Sie schickte Ihnen eine Karte, in der Sie ihren Tod ankündigte…
Die Frau wurde als Kind von ihrem Vater missbraucht. Wir haben einander verstanden und viel geredet. Wenn sie bei mir in der Nähe war, habe ich ihr gutgetan – wie eine Droge. Als sie alleine zu Hause war, hatte sie wieder Suizidgedanken.

Sie hat den Selbstmordversuch zum Glück überlebt und ist dann in eine Psychiatrie gekommen. Heute geht es ihr besser.

2017 ist ihr Vater gestorben – ein weiterer tiefer Einschnitt. Als er im Sterben lag, sind Sie zu ihm geflogen, kamen aber leider zu spät…
Das war wirklich schlimm, weil ich dachte, dass ich das zeitlich schaffe. Meine Mutter hat gesagt, dass mein Papa auf mich wartet, bis ich zurückkomme. Ich war bei einer Show in Deutschland, alles war bestätigt und am Tag zuvor hatte ich die Nachricht bekommen, dass er im Sterben liegt.

Ich konnte leider nicht früher kommen und dann hatte das Flugzeug auch noch Verspätung. Aber irgendwie habe ich im Gefühl, dass es einen Grund gab, wieso ich meinen Papa so nicht sehen sollte.

Drei Jahre nach Tod des Vaters bricht Ross zusammen

Wären Sie dennoch gerne bei ihm gewesen?
Ich glaube, jeder würde gerne dabei sein, um sich zu verabschieden. Was für mich ganz komisch war:

Ich habe zwar geweint, aber habe auch gemerkt, wie meine Mutter gelitten hat. Ich musste stark für sie sein und konnte nicht selber trauern.

Drei Jahre nach dem Tod Ihrers Vaters überwältigte Sie die Trauer. Wie genau?
Ich dann stand auf einer riesigen Bühne, ich glaube in Willingen – das war ein Ort, an dem mein Papa mich auch schon mal live gesehen hat. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass er im Publikum steht.

In der Garderobe habe ich eine Stunde geweint, da kam alles raus. Ich habe die ganze Nacht mit Paul auf dem Sofa geredet. Das hat sehr geholfen.

Welchen Tipps würden Sie Trauernden geben, das Erlebte zu verarbeiten?
Definitiv nicht so lange wie ich warten, um die Trauer zuzulassen und zu verarbeiten. Es bringt so viel, wenn man direkt darüber sprechen kann und das nicht als Tabuthema ansieht.

Wieso war es Ihnen so wichtig, einen Gute-Laune-Ratgeber zu schreiben?
Ich habe in dem Buch schöne und unschöne Geschichten verarbeitet. Meine Erfahrungen will ich nun an meine Fans weitergeben und ihnen helfen, mit Lebenskrisen besser umzugehen.

Was wollen Sie Ihren Fans mit auf den Weg geben?
Erstens: Dankbarkeit. Man muss immer dankbar für das sein, was man hat und die kleinen Dinge zu schätzen lernen. Man muss auch verstehen, dass jeder Mensch Ecken und Kanten hat und das ist auch gut so. Man darf nicht versuchen, jemand anderes zu sein.

Was mir wahnsinnig geholfen hat, war immer Kraft aus negativen oder positiven Erfahrungen zu ziehen. Und: Es ist wichtig, sich Fehler eingestehen zu können. Das macht dich zu keinem schwachen, sondern zu einem starken Menschen.

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