Plácido Domingo: Opern-König mit tiefen Schrammen

Er ist ein Großer, wahrscheinlich sogar ein ganz Großer. Plácido Domingo (80, „Opera Gala – 50 Years at the Arena di Verona“) dürfte der bekannteste lebende Opernsänger der Welt sein. Ein Denkmal der klassischen Musik, aber eines mit deutlichen Schrammen und Kratzern.

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Der Spanier wurde in seiner 60-jährigen Karriere als „lebende Legende“, „König der Oper“ und „bester Tenor aller Zeiten“ gefeiert. Ob das nun stimmen mag oder auch nicht, sei dahin gestellt – schließlich weilen das geniale Vorbild Enrico Caruso (1873-1921) und die beiden großen Kollegen Guiseppe Di Stefano (1921-2008) und Luciano Pavarotti (1935-2007) längst im Himmel der Sangeskunst. Doch zweifelsohne gilt Plácido Domingo als einer der vielseitigsten Tenöre des 20. und frühen 21. Jahrhunderts.

Während das Repertoire des großen Caruso 40 Rollen umfasste, hatte Domingo über 150 Partien im Programm. Er gab bei seinen 4.000 Auftritten den Othello, Parsifal, Lohengrin, Nabucco oder Rigoletto. Rollen, die er nicht nur mit seiner Stimme gestaltete, sondern auch mit Schauspielkunst, Präsenz und Charisma.

Missbrauchsvorwürfe gegen Domingo

Dieser strahlende Bühnenheld, der in seinem bisherigen Berufsleben mehr als 21 Millionen Tonträger verkauft hat, wird am Mittwoch, dem 21. Januar, 80 Jahre alt. „Eigentlich gibt es nur Gründe, sich zu diesem Anlass vor dem Künstler Domingo zu verneigen“, schreibt die Zeitung „Die Rheinpfalz“, aber leider gebe es da eben auch den Menschen, „den Mann Plácido Domingo. Und der sah sich in der jüngeren Vergangenheit immer wieder mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert“.

Im Zuge der #MeToo-Bewegung haben neun Frauen dem Maestro sexuelle Belästigung vorgeworfen, die teilweise Jahrzehnte zurückliegen soll. Die Vorwürfe aus dem Jahr 2019 kommen meist von Kolleginnen, die bislang anonym bleiben wollen, Anzeigen wurden keine erstattet.

Eine Sängerin gab an, dass sie 1998, als Domingo künstlerischer Leiter der Oper in Los Angeles war, vom Chef bedrängt wurde. Er sei uneingeladen in ihre Garderobe eingedrungen, habe sie auf die Wange geküsste und ihre Brust berührt. Sie habe sich zu einem sexuellen Abenteuer gedrängt gefühlt – „Wenn ich zu ihm nein gesagt hätte, hätte ich genau so gut zu Gott nein sagen müssen. Aber wie sagt man zu Gott nein?“ – und schließlich nachgegeben.

Einer anderen Sängerin soll er gesagt haben, er brauche Sex vor dem Auftritt, weil er dann besser singen könne. Nach dem Liebesakt habe er der Frau zehn Euro fürs Parkticket des Hotels auf den Tisch gelegt.

Ein „offenes Geheimnis“

Eine von der Oper in Los Angeles beauftragte Untersuchung kam schließlich zu dem Ergebnis, dass einige Vorwürfe des „unangemessenen Verhaltens“ glaubwürdig seien. Das ergab auch eine Untersuchung des US-Verbands der Musikkünstler (AGMA): Domingo habe „unangemessene Aktivitäten“ vom Flirt bis hin zu sexuellen Avancen ausgeübt. Nach den massiven Vorwürfen trat Plácido Domingo im Oktober 2019 von seinem Posten als Generaldirektor der Oper in Los Angeles zurück.

Inzwischen berichteten Mitarbeiter anderer Opernhäuser, dass Domingos Verhalten ein „offenes Geheimnis“ sei und man „komplizierte Strategien“ entwickelt habe, um ihn von Sängerinnen fern zu halten. Dann meldete sich der Maestro zu Wort: „Ich erkenne die volle Verantwortung für meine Taten an“, hieß es in der Erklärung, die Domingo im Februar 2020 an die spanische Nachrichtenagentur Europa Press schickte. Er habe sich aber „nie aggressiv gegenüber irgendjemandem verhalten“.

Schließlich sagte der Vater von drei Söhnen und mehrfache Großvater, der seit 1962 mit der mexikanischen Sopranistin und Opernregisseurin Marta Domingo (86) verheiratet ist, einige Monate später, seine erste Stellungnahme sei „kein Mea Culpa, auch wenn das so ausgesehen hat… Ich wiederhole, dass ich mich entschuldigt habe, falls ich jemanden beleidigt habe. Aber ich habe niemals, niemals jemanden belästigt“. Im Gegenteil: Er verurteile sexuelle Belästigung „in jeder Situation, an jedem Ort und zu jeder Zeit“. Der Schutz der Frauenrechte sei für ihn „von größter Bedeutung“.

Und kürzlich ließ Plácido Domingo verlauten: „Ich habe viele Dinge erklärt, und ich hoffe, sie sind jetzt klar.“ Für ihn ist das Thema durch, doch diese Debatte hat große Schatten auf das Image dieses großartigen Musikers geworfen. Er wurde nicht nur seinen Job in Los Angeles los, er musste Auftritte in der ganzen Welt absagen.

Domingo mit Coronavirus infiziert

Der Ausnahmekünstler, der von 1990 bis 2002 unter den Namen „Die drei Tenöre“ legendäre Auftritte mit seinen Freunden Luciano Pavarotti und José Carreras (74) hatte und längst auch als internationaler Dirigent etabliert ist, hatte in seinem Leben mehrere Krisen zu durchstehen. 2010 wurde bei ihm Darmkrebs diagnostiziert. Nur sechs Wochen nach der Operation stand er in Verdis Oper „Simon Boccanegra“ wieder auf der Bühne der Mailänder Scala.

Und im vergangenen Jahr erwischte den damals 79-Jährigen das Coronavirus. Er habe während der Krankheit „viel, viel Angst gehabt, dass ich es nicht schaffe“. Ende August 2020 trat er wieder auf. „Ich habe geweint, als ich nach fünf Monaten fern der Bühne wieder gesungen habe“, zitierte ihn die spanische Zeitung „La Razón“.

Seinen runden Geburtstag will Plácido Domingo in Wien verbringen. Einen Tag später steht er für die TV-Aufzeichnung von Verdis „Nabucco“ auf der Bühne der Wiener Staatsoper (ohne Publikum). Er habe „in der Musik noch viele Träume zu verwirklichen: Rollen, die ich sowohl in der Oper als auch in der Zarzuela erstmals spielen möchte“.

Da schließt sich im Alter der Kreis des Lebens. Die Zarzuela ist in Spanien eine volkstümliche Operette. Mutter und Vater waren in Madrid Zarzuela-Sänger. Der kleine Plácido ist mit dieser Musik aufgewachsen.

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