Perfekte Bühne für Jodie Foster und Tahar Rahim: Filmkritik „Der Mauretanier“

Perfekte Bühne für Jodie Foster und Tahar Rahim: Filmkritik „Der Mauretanier“

Wahre Geschichte aus dem Folterknast Guantánamo

von Mireilla Zirpins

Als knallharte Anwältin mit knallrotem Lippenstift kehrt Jodie Foster zurück ins Kino – und wirkt zunächst so abgebrüht, wie Clarice Sterling aus „Das Schweigen der Lämmer“ gern gewesen wäre. Aber Jodie Foster, die sich in letzter Zeit als Schauspielerin eher rarmachte und lieber Regie führte, hätte die Rolle im Eröffnungsfilm der Sommerberlinale 2021 niemals angenommen, wenn nicht mehr für sie drin gewesen wäre. In diesem Fall ein engagierter Film über die Folterpraktiken im US-Horrorknast Guantánamo – und mit Tahar Rahim ein charismatischer Hauptdarsteller, der ihr ein mehr als würdiger Spielpartner ist.

„Der Mauretanier“ mit Jodie Foster

"Der Forrest Gump von Al-Qaida"

Als Rechtsanwältin Nancy Hollander übernimmt sie zunächst fast desinteressiert den Fall von Mouhamedou Ould Slahi (Tahar Rahim, bekannt aus dem Arthouse-Hit „Ein Prophet“) – übrigens eine wahre Begebenheit. Der Mauretanier Ould Slahi, dem das Filmdrama seinen Titel verdankt, hat mit einem Stipendium in Deutschland studiert und wurde verdächtigt, dort einige der Attentäter des 11. September 2001 angeworben zu haben.

Und so wie Regisseur Kevin Macdonald („The Last King Of Scotland“) seine Geschichte erzählt, haben wir am Anfang des Films deutlich das Gefühl, dass Mouhamedou Ould Slahi irgendwie Dreck am Stecken haben muss. Zwei Monate nach den Anschlägen von 09/11 besucht er jovial und entspannt eine Hochzeit in seiner Heimat, der „islamischen Republik“ Mauretanien in Nordwestafrika. Die Verwandten beneiden ihn, hoffen auf Hilfe, um es auch nach Deutschland zu schaffen. Als er von einem Behörden-Konvoi abgeholt wird, löscht er erstmal fix alle Daten von seinem Handy. Es stellt sich heraus, dass seine Nummer vom Mobiltelefon Osama Bin Ladens angerufen wurde. Ould Slahis Erklärung dafür: Sein Cousin arbeite für den Terror-Chef, der Call sei aber privat gewesen.

Vier Jahre später sitzt Mouhamedou Ould Slahi in Guantánamo ein, verschleppt, in Dauerschleife verhört, ohne Hoffnung auf einen fairen Prozess, wie so viele dort. Der Vorwurf der US-Behörden: „Dieser Typ ist der Forrest Gump von Al-Qaida. Wo du hinschaust, ist er schon da.“

Jodie Foster übernimmt – als Menschenrechtsanwältin Nancy Hollander

Und hier kommt Menschenrechtsanwältin Nancy Hollander (sie vertritt auch Whistleblowerin Chelsea Manning) ins Spiel. Denn Jodie Foster, die hier zunächst auf alter Hase in der Testosteron-Domäne macht, scheint zunächst auch nicht allzu überzeugt zu sein von der Unschuld ihres Mandanten. Sie interessiert der Fall eher formaljuristisch, weil Mouhamedou Ould Slahi ein Recht auf ein Haftprüfungsverfahren hat. Und weil sie nichts dagegen hätte, US-Präsident George W. Bush und seinem Verteidigungsminister Donald Rumsfeld eins auszuwischen.

Mit der etwas unerfahrenen, aber eifrigen Kollegin Teri Duncan (erfrischend: Shailene Woodley) im Schlepptau macht sie sich auf nach Guantánamo. Und wird dort, Sie ahnten es schon, getriggert durch den Umgang der US-Regierung mit ihren Gefangenen, doch noch deutlich an Motivation und Fahrt aufnehmen. Die US-Regierung wünscht sich für die Terroristen die Todesstrafe. Und Ould Slahi soll der erste sein. Die Ermittlungen führt US-Staatsanwalt Stuart Couch (Benedict Cumberbatch). Sein Freund saß in einem der von den Terroristen gekaperten Todesflieger…

Golden Globe für Jodie Foster – Tahar Rahim hätte für seinen "Mauretanier" auch einen verdient

Regisseur Kevin Macdonald kontrastiert die Vorzüge der karibischen Umgebung mit den Hässlichkeiten im US-Gefangenenlager auf kubanischem Boden und verstört mit knallbunten Bildern von den Misshandlungen. Benedict Cumberbatch und vor allem die eindrucksvoll reduziert agierende Jodie Foster laufen zu Form auf und spielen gegen ein Drehbuch an, dem es etwas an starken Gegenspielern und dramatischer Verdichtung fehlt – wie so oft bei faktentreuen Verfilmungen wahrer Ereignisse.

Für Jodie Foster gab’s dafür den „Golden Globe“ für die beste Leistung als Nebendarstellerin. Das Pfund, mit dem Macdonald wuchern kann, ist aber vor allem sein charmanter, gut aussehender Hauptdarsteller Tahar Rahim, der den Gefangenen so menschlich und sympathisch spielt, dass wir als Zuschauer in der Waage gehalten werden, wie wir zu ihm stehen sollen – und nachvollziehen können, warum sich seine Anwältin so für ihn einsetzt. Und der es schafft, dass seine Figur trotzdem ihr Geheimnis wahrt.

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