Die haarsträubenden Thesen des Xavier Naidoo

Xavier Naidoo gibt sich geläutert. Öffentlich entschuldigt sich der Sänger für seine jahrelang verbreiteten Verschwörungstheorien. Die Liste seiner kruden Thesen ist lang und reicht über 20 Jahre zurück – ein Überblick.

Corona-Leugner, „Reichsbürger“, Antisemit, Rassist, Verschwörungstheoretiker – und nun geläutert? In den vergangenen Jahren sorgte der Musiker Xavier Naidoo immer wieder mit kruden Thesen für Aufmerksamkeit und für zahlreiche Skandale. Doch damit soll es jetzt vorbei sein. Am Dienstag veröffentlichte der Sänger ein Video in den sozialen Netzwerken, in dem er sich von seinen vergangenen Aussagen distanziert. Er entschuldigt sich darin für „verstörende Äußerungen“, die seine Familie und Fans irritiert und provoziert hätten. „Ich habe Dinge gesagt und getan, die ich heute bereue“, so der Sänger. Mehr dazu lesen Sie hier.

Von seiner extremen Vergangenheit möchte sich Naidoo fortan trennen. „Ich distanziere mich von allen Extremen, Rechten und verschwörerischen Gruppen. Nationalismus, Rassismus, Homophobie und Antisemitismus sind mit meinen Werten nicht vereinbar“, so der Sänger. Doch die Liste seiner Aussagen, die ihn genau in diesen Kontext stellen, ist lang – und reicht bis weit in die Vergangenheit zurück. Ein Überblick über Naidoos fragwürdige Ansichten. 

Bereits im Jahr 1999 gab Naidoo dem Musikmagazin „musikexpress“ ein denkwürdiges Interview. Darin fällt er nicht nur mit extrem anmutenden religiösen Thesen auf, sondern bezeichnet sich selbst auch als einen Rassisten. „Bevor ich irgendwelchen Tieren oder Ausländern Gutes tue, agiere ich lieber für Mannheim“, so der Musiker in dem Interview. Auf die Nachfrage, ob er Rassist sei, antwortete Naidoo: „Ja. Aber ein Rassist ohne Ansehen der Hautfarbe. Ich bin nicht mehr Rassist als jeder Japaner das auch ist.“

Dass das noch nicht die letzte provokante These war, die die Welt von dem Sänger zu hören kriegen sollte, deutete er ebenfalls damals bereits an. Er nutze seine Musik als legale Waffe, so Naidoo in dem Interview. „Ich habe etliche Texte noch nicht veröffentlicht, weil ich weiß, dass sie zu krass rübergekommen wären“, sagte er. 

Video sorgt für DSDS-Rauswurf

Wie es klingt, wenn Naidoo seinen rassistischen Thesen auch in seiner Musik freien Lauf lässt, durfte die Welt unter anderem 2020 erfahren. In einem Video unterstellt Naidoo Zuwanderern, für eine zunehmende Zahl an Morden in Deutschland verantwortlich zu sein. Er singt: „Hauptsache es ist politisch korrekt, auch wenn ihr daran verreckt. Noch mal: Ich hab fast alle Menschen lieb, aber was, wenn fast jeden Tag ein Mord geschieht, bei dem der Gast dem Gastgeber ein Leben stiehlt?“

Demonstranten, die sich gegen Hetze positionierten, bezeichnet er als „peinlich und deutschlandfeindlich“. Das Video löste einen Skandal aus und führte schließlich zum Ausschluss Naidoos aus der Jury der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“, in der er zu dem Zeitpunkt aktiv war. Auch ein veröffentlichtes Statement, in dem sich Naidoo gegen Ausgrenzung und Fremdenhass aussprach, änderte daran nichts. 

Nähe zur „Reichsbürger“-Szene

Seine rassistischen Aussagen waren nicht der einzige Berührungspunkt Naidoos mit der rechten Szene. Immer wieder fiel der Musiker auch durch seine Nähe zur „Reichsbürger“-Szene auf. Die sogenannten Reichsbürger sind eine Verschwörungsgruppierung, die die Bundesrepublik Deutschland nicht als souveränen Staat anerkennt. Erstmals äußerte er entsprechende Aussagen während eines Auftritts im ARD-Morgenmagazin im Jahr 2011. Auf die Frage, ob die Menschen in Deutschland frei seien, sagte Naidoo: „Was für eine Frage! Aber nein, wir sind nicht frei. Wir sind immer noch ein besetztes Land. Deutschland hat keinen Friedensvertrag und dementsprechend ist Deutschland auch kein echtes Land und nicht frei.“ 

Mahnwache in Berlin: Am 3. Oktober 2014 nahm neben bekennenden Rechten auch Xavier Naidoo an der Kundgebung teil. Er trug dabei ein T-Shirt mit der Aufschrift „Freiheit für Deutschland“. (Quelle: imago images)

Aufsehen erregte in diesem Zusammenhang auch ein Auftritt Naidoos am Tag der Deutschen Einheit 2014. Der Sänger besuchte an diesem Tag die Demonstration „Sturm auf den Reichstag“, die von „Reichsbürgern“ organisiert wurde. Dort machte er unter anderem mit demokratiefeindlichen Aussagen auf sich aufmerksam. „Einer alleine hat die Macht, das Ganze zum Sturz zu bringen“, sagte Naidoo auf der Veranstaltung. 

Geheime Mächte und Antisemitismus

Die Thesen der sogenannten Reichsbürgerbewegung sind jedoch längst nicht die einzige Verschwörungstheorie, die Naidoo gerne teilte. Der Musiker bediente sich auch gerne der Erzählung von geheimen Eliten, die die Politiker wie Marionetten steuern und im verborgenen die Welt regieren.

So unter anderem im Song „Raus aus dem Reichstag“ aus dem Jahr 2009. Darin klagt er ausführlich über angebliche politische Korruption und macht der damaligen Bundeskanzlerin Merkel Vorwürfe. Er singt: „Ihr wart sehr, sehr böse, steht bepisst in euren Socken. Baron Todschild gibt den Ton an, und er scheißt auf euch Gockel. Der Schmock ist’n Fuchs und ihr seid nur Trottel.“ Mit „Baron Todschild“ spielt Naidoo auf die erfolgreiche jüdische Bankiersfamilie Rothschild an, die immer wieder Gegenstand von antisemitischen Verschwörungstheorien ist. 

Gewaltandrohungen und „Pizzagate“

Auch in seinem 2017 mit der Band „Söhne Mannheims“ veröffentlichten Song „Marionetten“ bedient sich Naidoo ähnlicher Narrative. Dort singt er von peinlichen Volksvertretern und droht Politikern gar Gewalt an. „Alles wird vergeben, wenn ihr einsichtig seid. Sonst sorgt der wütende Bauer mit der Forke dafür, dass ihr einsichtig seid (mit dem Zweiten sieht man besser)“, so Naidoo in dem Song.

Weiter textet er: „Doch wir denken für euch mit und lieben euch als Menschen. Als Volks-in-die-Fresse-Treter stoßt ihr an eure Grenzen“. In diesem Song verbreitet Naidoo eine weitere Verschwörungstheorie. „Und etwas namens Pizzagate steht auch noch auf der Rechnung. Bei näherer Betrachtung steigert sich doch das Entsetzen. Wenn ich so ein’n in die Finger krieg, dann reiß ich ihn in Fetzen. Und da hilft auch kein Verstecken hinter Paragrafen und Gesetzen“, so Naidoo.

Das Jahr 1999: Xavier Naidoo verkauft millionenfach seine Musik, gewinnt einen Preis nach dem anderen – doch seine Gesinnung hat er schon längst offenbart. (Quelle: imago images)

Bei „Pizzagate“ handelt es sich um eine insbesondere in Amerika beliebte Verschwörungstheorie. Demnach agiere aus einer Pizzeria in der US-Hauptstadt Washington heraus ein Pädophilen-Netzwerk, an dem unter anderem die Ex-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton beteiligt sei. Das Netzwerk soll der Theorie zufolge Kinder entführen, festhalten, foltern und sogar deren Blut trinken. 

9/11 als Inszenierung

Neben solch abstrusen Theorien finden sich auch „Klassiker“ unter den Verschwörungsbehauptungen auf Naidoos langer Liste. So beispielsweise der Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001. Geht es nach Naidoo, wurde der Anschlag keinesfalls von al-Qaida durchgeführt, sondern vom amerikanischen Geheimdienst.

Bei seinem Auftritt vor den „Reichsbürgern“ im Jahr 2014 tönte Naidoo, wer daran glaube, dass Islamisten hinter den Anschlägen steckten, hätte „den Warnschuss“ nicht gehört und habe „einen Schleier vor den Augen“. Noch deutlicher wird er in dem Song „Goldwaagen/Goldwagen“. Dort singt er: „911, London und Madrid, jeder weiß, dass al-Qaida nur die CIA ist“, und macht den amerikanischen Geheimdienst damit gleich für eine ganze Serie von Anschlägen verantwortlich. 

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Naidoo als Corona-Leugner

In den vergangenen beiden Jahren mischte sich Naidoo schließlich auch unter die Corona-Leugner. In einem im April 2020 veröffentlichten Video leugnet der Musiker die Existenz des Coronavirus und kritisiert die damalige Kanzlerin Angela Merkel und ihren Gesundheitsminister Jens Spahn sowie den Virologen Christian Drosten für die Corona-Maßnahmen. „Mir reicht es“, sagt Naidoo in dem Clip und kündigt an, sogar vor Gericht ziehen zu wollen. 

Fast genau zwei Jahre später folgt nun also die Kehrtwende. Ob der Sänger seine Entschuldigung tatsächlich ernst meint und mit seiner mehr als 20-jährigen Vergangenheit als Verschwörungstheoretiker abgeschlossen hat, bleibt fraglich. 

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