Frank Spilker: "Frech finde ich gut, weil das nach vorne verweist und nicht nostalgisch ist"

2018 sind zwei Gründungsmitglieder ausgestiegen, ein einziges blieb, um die Band Die Sterne zu erhalten. Nun erscheint ein Album, das mit neuen Klängen überrascht. Der stern hat mit Frank Spilker gesprochen, dem last man standing.

Frank Spilker in Palast-Outfit vor dem Hamburger Bunker (Flakturm IV). Das neue Album “Die Sterne*” erscheint am 28. Februar 2020. Als einziges verbliebenes Gründungsmitglied der Band Die Sterne setzte Frank Spilker auf Kollaboration. Er holte sich hochkarätige Unterstützung in seinen leeren Palast.

Die Sterne, ist das jetzt Frank Spilker?
Nein, nein! Das neue Album ist genauso eine Kollaboration, wie sie es mit den “Alt-Sternen” war, nur mit neuen Leuten. Ich habe zwar sehr viel alleine gemacht, aber es ist kein Soloalbum. Das Konzept ist das gleiche wie vorher, weil ich die Stücke für ein Sterne-Album geschrieben habe. Nicht wissend, dass es in der Konstellation nicht dazu kommen wird. Und finalisiert auch wieder mit Leuten, die was von ihrem Handwerk verstehen. Philipp Janzen und Phillip Tielsch von Von Spar haben ganz entscheidend mitgewirkt, dass es so wird, wie es geworden ist.

Eine Kollaboration, die noch ein bisschen fragil ist, weshalb ich mich nicht hinstellen und sagen möchte: Das ist die neue Band. Es wäre ja leicht, sich zu viert vor eine Wand zu stellen, ein Foto zu machen und zu sagen: Das sind Die Sterne jetzt. Ich fänd’ das ein bisschen anmaßend und deswegen ist auf allen Fotos nur mein verkleidetes Gesicht. Das ist die Idee dabei, dass man nicht genau weiß, was kommt: Was ist das? Wer ist jetzt Die Sterne? Live wird man die Leute sehen. Es werden immer mehr Videos auftauchen. Das Ganze mit dem Ziel, auf Tour zu gehen und mal zu gucken, wie wir uns verstehen. Und nächstes Jahr kann man vielleicht sagen, dass ist jetzt Die Sterne 2021.

“Die Sterne*” von Die Sterne, Pias Germany (Rough Trade), CD 16,99 Euro, Vinyl 18,99 Euro, erscheint am 28.2.2020, hier bestellbar

Was ist 2018 passiert? Wie kam es zu der Trennung?
Es ist die überfällige Entscheidung getroffen worden, die die Frage “Wie machen wir weiter?” beantwortet hat. Die Antwort lautete: nicht zusammen. Wir haben uns vorher schon ziemlich lange mit dem Versuch, neue Stücke zu machen oder perspektivisch zu arbeiten, gequält. Was wir noch hingekriegt haben, war, die Vergangenheit zu verwalten, uns covern zu lassen, irgendwie das Album “Mach’s besser” zu organisieren, auf Tour zu gehen. Wir haben 2018 auch noch eine Theatermusik gemacht. Was nicht mehr geklappt hat, war Kreativarbeit an eigenen Stücken. Wir haben uns da an einem wichtigen Punkt, oder dem Kernpunkt einer Band, einfach nicht mehr verstanden. Mitte 2018 hat Thomas gesagt, dass er die Mitarbeit an einem neuen Album nicht sieht und sich deswegen zurückzieht. Kurz darauf kam die Entscheidung für mich, dass ich mir auch mit Christoph nicht vorstellen konnte, zusammen etwas neu aufzubauen, weil er beruflich so eingespannt ist und in Berlin lebt. Letztendlich waren wir alle damit einverstanden, dass es mit mir als einzigem verbliebenen Gründungsmitglied weitergeht. Im Grunde war die Entscheidung 2018 eine große Befreiung und Erleichterung. Wenn man vier Jahre oder so versucht, etwas zu machen und es kommt nichts dabei raus, ist die Entscheidung, es anders zu probieren, mit anderen Leuten, letztendlich eine Befreiung.

Ihr wart seit 1992 zusammen.
Ja, wir hatten unser 25-jähriges Jubiläum gerade gefeiert. Das ist noch nicht einmal die richtige Zahl, was dieses Konzept angeht, weil das ja schon aus meinen Schülerbands hervorgegangen ist. Der Name jedenfalls, den haben wir übernommen, ab 92 mit Thomas und Christoph.

Ist der Titel “Der Palast ist leer” auch ein bisschen auf die Band bezogen?
Interessant, was man immer so … Es gibt Leute, die sehen das Stück sehr politisch, sehr auf die politische Situation bezogen.

Auf die deutsche politische Position?
Ja, verschiedene. Vielleicht das Verschwinden der politischen Klasse oder sowas, oder die späte Kanzlerschaft von Angela Merkel. Alles Mögliche wird da reingedeutet. Es ist ein bisschen wie bei “Was hat dich bloß so ruiniert?”. Das ist ja nur ein Bild, das ich da aufmache, ein Setting, das jeder mit Inhalt füllt. Weil ich das nicht auflöse, kann man seine Puppen reinstellen und das ausleben. Das mache ich gerne und empfinde das nicht als ein Zuwenig an Information. Ich finde es ganz toll, wenn so etwas passiert. Wenn die Leute spekulieren. Das ist genau dieses tiefere Verständnis der Kunst: Dass man selber anfängt, darüber nachzudenken.

Du sagst, du hast schon vor geraumer Zeit mit dem Konzept für dieses Album angefangen: Was ist das Konzept?
Mit dem Konzept für die Stücke eigentlich eher. Ich grenze das jetzt mal ab. Was ich vorhin meinte, war der Unterschied: Schreibe ich Stücke für ein Sterne-Album oder für ein Soloalbum? Die Musikrichtung, die wir bei den Sternen eigentlich völlig unberührt lassen, ist Folk und Blues. Diese Geschichten habe ich in die Frank Spilker Gruppe gepackt und hatte vor, eine Modernisierung des Folksongs auf Deutsch zu machen, so ein bisschen mit dem Sound von modernem Rhythm and Blues, Black Keys oder sowas. Ob mir das gelungen ist, sei dahingestellt. Aber es ist ein komplett anderes Konzept als bei den Sternen.

Jetzt gerade dieses Album ist voll mit Sternen-typischen Referenzen wie Krautrock, Disco, vielleicht auch 60er-Jahre-Funkmusik, das schwingt immer ein bisschen mit. Nile Rodgers, George Clinton, Parliament, Funkadelic, das sind die Parameter, die bei den Sternen immer eine Rolle gespielt haben und auch auf diesem Album zu hören sind.

Kann man das noch als Hamburger Schule bezeichnen?
War das je Hamburger Schule? Ich glaube, damit war immer etwas anderes gemeint. Wenn du die drei Bands nimmst, die die Protagonisten dieser Hamburger Schule gewesen sein sollen, haben sie sehr unterschiedliche Sound-Konzepte. Das ist nicht das verbindende Element gewesen. Tocotronic sind eine Grunge-Band. Die frühen Blumfeld waren im Grunde eine 80er-Jahre-Shoegazer-Band mit Neuem verbunden, mit einer Artikulation, die sich an damaligen New-School-Hip-Hop-Vorbildern wie Q-Tip orientiert hat. Und Die Sterne haben diesen Funk-Kram gemacht. Das waren musikalisch sehr unterschiedliche Sachen. Was neu war, war vielleicht der Ton in der Sprache, und wenn ich jetzt auf die Zeit zurückblicke, würde ich sagen: Wenn man das Hamburger-Schule-Ding zusammennimmt mit dem Hip-Hop-Ding, das damals passierte, war das eine Art “kambrische Explosion der Arten”. Dass da ganz viele neue Formen entstanden und ausprobiert worden sind, die es vorher auf Deutsch nicht gab.

Mit einer gewissen Lässigkeit wurde jetzt Sprache oder Popmusik auf Deutsch gemacht, die nicht entweder Karikatur ist, wie beim Fun-Punk, oder Schlager. Es gab ja nicht so viel Varianz vorher. Und diese kambrische Explosion, so nenne ich das jetzt mal, das ist vielleicht das Typische für die Zeit gewesen, für die Neunziger. Und da spielt ganz viel mit rein, die Hamburger Schule, Hip-Hop, aber auch die Mediengeschichte damals: der Boom bei CDs, MTV, Viva, Viva2 und so.

Du hast dir ja jetzt noch ein paar andere Musiker ins Boot geholt, zumindest auf zwei der bislang veröffentlichten Videos. Das ist einmal Carsten Erobique Meyer …
… genau, er ist da Gastmusiker. Das ist eine interessante Geschichte, eigentlich. Carsten Meyer ist ja Sterne-Fan der ersten Stunde. Der “Disco-Strang” hat seiner eigenen Aussage nach auch seine Karriere beeinflusst. Da ist zu sehen, dass es möglich ist, diese Musik irgendwie in cool zu machen. Er ist sozusagen ein Original-Schüler, der jetzt wieder zurück in die Schule kommt. Wir haben tatsächlich nicht länger als zweieinhalb Stunden oder so bei ihm zu Hause in der Küche die Keyboards aufgenommen, weil er sofort wusste, was zu tun ist. Die Stücke waren da schon ziemlich weit in der Produktion. Das sind die Keyboards gewesen, die wir sonst, hätte Thomas oder Dyan sie eingespielt, im Stil von Carsten Meyer gespielt hätten. So sehe ich das ein bisschen. Man hätte versucht, das so zu machen, wie er’s machen würde.

War das jetzt eure erste Zusammenarbeit?
Tatsächlich nicht ganz. Wir haben bei “Mach’s besser!” ein Stück mit ihm zusammen eingespielt. Er hat es produziert und ein bisschen E-Piano gespielt, ein altes Disco-Stück von den Sternen, “Wichtig”. Das gibt’s jetzt quasi in dem Erobique-Remix. Aber das ist Original mit den alten Sterne-Musikern und Carsten Meyer.

Und wie ist das Kaiser Quartett ins Spiel gekommen?
Wie haben uns kennengelernt. Nach einem Konzert auf Kampnagel, glaube ich, haben sie im Wohl oder Übel performt, einem ganz kleinen Laden. Da haben wir uns persönlich kennengelernt. Wir haben uns da noch nicht direkt über so eine Möglichkeit unterhalten, aber das kam später. Das ist ja klar, dass man dann an die Leute denkt, die man schon mal getroffen hat. Grundsätzlich ist es etwas, was die Sterne noch nie gemacht haben. Wir haben schon alle möglichen Gastmusiker gehabt, aber noch kein Streichquartett. Und bei dem letzten Disco-Album, “24/7”, das Mathias (Munk) Modica produziert hat, waren es sehr viele synthetische Streicher und Keyboards und das war jetzt mal wirklich was Neues. Man muss der Initiative Musik dafür danken, dass wir die Mittel dazu hatten. Nur durch die Förderung war das möglich, weil es wirklich recht teuer ist.

Der Sound ist fantastisch, finde ich. Ich war echt begeistert.
Ja, natürlich, man hört es eben doch. Man kann das eine nicht durch das andere ersetzen. Das hat immer seinen eigenen Charme. Und die machen das toll. Und es ist kein Wunder, warum ausgerechnet das Kaiser Quartett von allen möglichen Leuten gefragt wird: Es entspricht auch meiner Erfahrung, dass es wirklich schwierig ist, Leute zu finden, die vom Konservatorium kommen, klassische Streicher spielen und dabei so ein Verständnis für Popmusik haben und Rhythmus halten können. Das ist wirklich selten.

Wen können wir noch erwarten?
An Gästen auf dem Album? Ganz wichtig sind noch die Düsseldorf Düsterboys, die haben die Chöre gemacht.

Woher kenne ich die?
Die kennst du als International Music, sie waren Kollegen auf Staatsakt und sind aus Düsseldorf. Wir haben in Köln produziert, deswegen war das sehr naheliegend, dass sie mal kurz rüberkommen. Wir haben ein Duett gesungen und ansonsten haben sie Chöre gesungen. Sie sind toll, eine tolle junge Band. Die Stimmen sind total irre, sehr original. Man erkennt sie immer wieder.

Die neue Platte hat ja keinen Titel bzw. den Titel der Band. Gab es dafür einen Grund?
Frechheit. Schalk im Nacken, würde ich sagen. Das ist natürlich auch ein Kommentar zu der Situation der Band, genau wie der kleine Asterix (*) hinter Die Sterne. Wenn man ein selbstbetiteltes Album herausgibt, heißt das natürlich ein bisschen so etwas wie: Das ist die Essenz der Band oder das Wesentliche. So denke ich das auf jeden Fall. Jetzt das zwölfte Album Die Sterne zu nennen, ist schon mal frech und nach so einer wichtigen Veränderung noch frecher. Und frech finde ich gut, weil das nach vorne verweist und nicht nostalgisch ist.

Die Sterne auf Tour

6. März 2020, Köln, Gebäude 9
7. März 2020, Mainz, Schon Schön
8. März 2020, Stuttgart, Merlin
9. März 2020, Graz, Postgarage
10. März 2020, Wien, Grelle Forelle
11. März 2020, München, Ampere
12. März 2020, Leipzig, Conne Island
13. März 2020, Berlin, Festsaal Kreuzberg
15. März 2020, Hamburg, Uebel & Gefährlich
13. Juni 2020, Kirchanschöring, Im Grünen Festival

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