‘Touch’ in den Kammerspielen: Gegenseitige Ber�hrung erw�nscht

Keine Frage: Wir befinden uns in Zeiten der sozialen K�lte, virus-bedingt einerseits, weil der Sicherheitsabstand zueinander einzuhalten ist, andererseits aber auch, weil das digitale Zeitalter uns schon l�ngst voneinander entfremdet hat. Corona hat nur verst�rkt, was schon l�ngst da war. Auch darum geht es in Falk Richters Inszenierung “Touch”, mit der die Kammerspiele jetzt in die Saison starteten, mit Barbara Mundel als neuer Intendantin. Kann ihr Theater etwa etwas W�rme spenden?

Lesen Sie auch

Kammerspiele-Intendantin Mundel: Start einer neuen �ra

Goldenes Gehirn auf der B�hne der Kammerspiele 

Auf der B�hne der Kammerspiele strukturieren zun�chst ein paar lose platzierte Fake-Eisschollen den Raum. Dar�ber im Hintergrund h�ngt riesig eine Platine, deren Schaltbahnen sich un�bersichtlich verzweigen und irgendwo enden. Vor dieses Bild schiebt sich im Laufe der Inszenierung, ganz plastisch, ein goldenes Gehirn, wulstig seine Windungen, ein riesiges Organ. So hat man die Innenansicht in irgendein elektronisches Ger�t und die Au�enansicht unseres Denkapparats (wobei sp�ter die Synapsen leuchten), und es ist schon recht r�tselhaft, wie diese Systeme funktionieren.

“Alles h�ngt mit allem zusammen”, stellt Vincent Redetzki, Teil des vielk�pfigen Ensembles, einmal fest, womit er den Parade-Satz eines (Corona-)Verschw�rungstheoretikers ausspricht, aber auch das Prinzip des Abends zusammenfasst. Falk Richter nimmt das titelgebende Thema der Ber�hrung als Ausgangspunkt f�r einen assoziativen Rundumschlag, in dem individuelle, wom�glich ja von vielen geteilte Einsamkeitserfahrungen, aber auch die globale Klimakrise, Viren bef�rdernde Tierqu�lerei und vieles mehr eine Rolle spielen d�rfen, mit Corona als zentralem, da gerade aktuellem Schaltkreis.

“Touch” ist �berdeutliche Gesellschaftskritik

Vieles wirkt smart in seiner Verkn�pfung, aber gedanklich k�hl und nicht immer geschmackssicher. Die Atemnot mancher Corona-Kranker etwa schlie�t Falk Richter, der auch den Text zu diesem Abend verfasste, mit dem Ertrinkungstod von Fl�chtlingen im Mittelmeer kurz. Sp�ter l�sst er Marie Antoinette als zeitlose Oberschichts-Diva auftreten, die sich dar�ber freut, “dass an ihrem 69. Geburtstag ausgerechnet 69 Fl�chtlinge zur�ck ins Meer gesto�en werden konnten”. Zudem isst die Aristokratin weiterhin gerne Kuchen und h�tte Lust, mal wieder einem Konzert beizuwohnen.

Die Gesellschaftskritik dr�ckt Richter einem da �berdeutlich aufs Auge. Er hat aber mit Anne M�ller auch eine Schauspielerin, die aus dem Marie-Antoinette-Solo eine furiose Schau macht. Solche starken solistischen Momente gibt es immer wieder, im Wechsel mit Dialogen und Tanzeinlagen, die den Einzelnen in eingestreuten synchronen Bewegungen zumindest kurz in einer Gruppe Gleichgesinnter aufgehen lassen.

Nackte Haut zum Saisonstart in den Kammerspielen

Das Team ist bunt zusammengew�rfelt: Neue und alte Ensemblemitglieder der Kammerspiele treten auf, dazu T�nzerinnen und T�nzer der Kompanie von Choreographin Anouk van Dijk, deren Handschrift sich zu der von Falk Richter gesellt. Er ist f�r die Gedanken und der Inszenierung derselben zust�ndig, sie steuert die sinnlichen Bewegungen bei.

Die t�nzerischen Gesten lassen sich dabei mehr oder minder leicht dechiffrieren. Ein kurzes Hochziehen der Oberbekleidung macht etwa immer wieder den Blick auf die nackte Haut frei; dem Betrachter wird buchst�blich eine offene Flanke geboten. Wer sich nach Ber�hrung sehnt, geht eben auch das Risiko ein, verletzt zu werden. Nicht immer wirkt diese Verbindung von Schauspiel und Tanz jedoch sonderlich sinnstiftend. Stattdessen erscheint vieles disparat, einzeln geprobt, dann zusammengest�ckelt.

Corona-Schutzanzug als B�hnenoutfit

Die Ordnung, wie wir sie zu kannten vermeinten, ist ja tats�chlich durcheinander geraten. Es bleibt nur noch die Collage, das Brainstormen, das Ausprobieren von M�glichkeiten. Kost�mbildner Andy Besuch darf diverse Optionen f�r eine Corona-taugliche Bekleidung durchspielen, vom Schutzanzug mit Plexiglas-Visier bis hin zu wolligen, knallig farbigen Outfits, welche den gesamten K�rper mitsamt Gesicht verh�llen.

Mal ist alles neon-gelb, dann dominiert die Farbe Lila, was dem Abend optisch Struktur gibt, aber auch nicht verhindert, dass man sich in einer Revue voller Tanz, Gesang und Schauspiel f�hlt, in der alles flott touchiert wird, auf dass irgendein Moment tiefer ber�hren m�ge.

Lesen Sie auch

M�nchner Kammerspiele sind “Theater des Jahres

Mittelstandsgesellschaft in Zeiten des Coronavirus

F�r die Entschleunigung und den Stillstand l�sst sich Falk Richter jedoch oft zu wenig Zeit. Klar greifbar ist eine ausgestellt boulevardhafte Vierer-Dinner-Szene, bei der �ber Berliner Schlauchbootpartys und Christian Drosten geschimpft und auch sonst alles aufgetischt wird, was den Leuten derzeit so durch den Kopf schie�t. “Habt Ihr auch diese wahnsinnig sch�nen Klavierkonzerte von Igor Levit auf Twitter verfolgt jeden Abend?”

Dank solcher Online-Kultur konnte das Hipster-B�rgertum sich zumindest kurzzeitig vor einer Depression retten. Aber sich anfassen, gar miteinander schlafen ist nicht, wenn die neue Beziehung von einem Corona-Flirt r�hrt.

Klar: �ber unsere Mittelstandsgesellschaft, die einige neue D�nkel in Zeiten der Pandemie entwickelt hat, darf man schon mal spotten. Bei aller Ironie lassen Falk Richter und sein Team jedoch auch ganz ernsthaft eine Melancholie aufscheinen, die nicht erst seit Corona existiert. Thomas Hauser als Mann vor dem K�hlschrank, der sich selbst nicht mehr kennt und sp�rt, weil ihm die Ber�hrung von au�en fehlt, ist wohl kein Einzelfall, sondern Repr�sentant von vielen. Dieser Isolation steht, wie eh und je, das Theater als Ort der Gemeinschaft und gegenseitigen Ber�hrung gegen�ber, wenn auch im geistigen Sinne.

Start von Intendantin Barbara Mundel

W�hrend des Premieren-Applauses kamen neben Falk Richter auch Barbara Mundel und Chef-Dramaturgin Viola Hasselberg auf die B�hne. Mundel konnte zu keiner Premierenparty einladen, aber bot sich und ihr Team als Gespr�chskontakt an, war dabei sichtlich ger�hrt, dass nun in ihren Kammerspielen tats�chlich gespielt werden kann. Und ja: Das hatte schon einige W�rme.

Kammerspiele, 20., 22., 31. Oktober; jeweils ab 20 Uhr, Karten unter 089  – 233 966 00.

Quelle: Lesen Sie Vollen Artikel