Tom George über Whodunit-Filme: "Die Zuschauer haben den gleichen Blickwinkel wie der Detektiv"

  • Regisseur Tom George liefert mit dem Whodunit-Film „See How They Run“ sein Regiedebüt ab.
  • Im Gespräch mit unserer Redaktion verrät der Filmemacher, warum er zu diesem Projekt zugesagt hat.
  • Darüber hinaus gibt er eine Einschätzung ab, warum Zuschauer dieses Genre so fasziniert.

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Herr George, zunächst einmal Herzlichen Glückwunsch zum Film, ich habe mich sehr gut amüsiert.

Tom George: Vielen Dank! Ich bin froh, dass es Dir gefallen hat.

„See How They Run“ ist Ihr Regiedebüt. Wie schwierig war die Umstellung vom Fernsehen zum Film?

Ich denke, Ausdauer war für mich die größte Herausforderung. Denn man arbeitet über einen längeren Zeitraum nur an einer Geschichte. Die Herausforderung besteht darin, Wege zu finden, kreativ zu bleiben. Bei TV-Serien ist das nicht der Fall. Aber sonst gab es keine großen Unterschiede, nehme ich an. Die Arbeit ist die gleiche. Man verlässt sich auf die Leiter der verschiedenen Abteilungen (Kostüme, Szenenbild). Da es sich um einen historischen Film handelt, ist man darauf angewiesen, dass diese Leute ihre Erfahrungen einbringen, um das London der damaligen Zeit auf die Leinwand zu bringen.

Sie hatten bestimmt viele Angebote. Warum haben Sie sich für dieses Projekt entschieden?

Das Drehbuch von Mark Chappell hat mich begeistert. Aber ich fand die Möglichkeit spannend, einen Film zu drehen, der sowohl ein Krimi als auch eine Komödie ist. Außerdem ist es ein Whodunit-Film über ein Theaterstück, dessen Inhalt ein Whodunit ist. Das fühlte sich wie eine Herausforderung an, weil man herausfinden muss, wie man diese verschiedenen Genres unter einen Hut bringen kann. Zu viel von dem einen oder dem anderen könnte dem Film schaden. Aber genau das hat mich gereizt. Ich hatte das Gefühl, ich könnte dem Drehbuch gerecht werden.

Man glaubt kaum, dass das Ihr erster Film ist. Der Streifen könnte glatt aus der Feder von Wes Anderson stammen, denn Sie haben einen ähnlichen Stil. Welche Regisseure haben Ihren Stil beeinflusst?

Das ist ein großes Kompliment. Wes‘ Liebe zum Detail, insbesondere seine Bühnenbilder, haben mich definitiv beeinflusst. Ich nehme an, dass mich Regisseure inspirieren, die die Genres auf interessante Art und Weise miteinander kombinieren. Bong Joon-ho wäre zum Beispiel ein offensichtliches Beispiel dafür. Seinen Film „Memories of a Murder“ habe ich mir im Vorfeld dieses Films angeschaut. Denn in diesem Film geht es um eine ernsthafte polizeiliche Ermittlung, aber der Film besitzt auch einige lustige Elemente. Außerdem bin ich der Meinung, dass Bong mit Ensembles sehr gut umgehen kann, was für diesen Film ebenfalls sehr wichtig war. Almodovar wäre ein weiteres Beispiel, genau wie die Coen-Brüder. Sie sind brillant darin, eine Kriminalgeschichte zu erzählen, aber mit komischen Elementen. Und diese Filmemacher wurden von Alfred Hitchcock beeinflusst. Ich denke, „Das Fenster zum Hof“ ist ein tolles Beispiel. Es ist wahrscheinlich sein bester Thriller, aber es gibt auch brillante, humorvolle Charakter-Elemente zwischen Grace Kelly und James Stewart.

Der Film beginnt mit einem Zitat von Leo Kopernick, gespielt von Adrien Brody. „Es ist ein Whodunit. Wenn du einen gesehen hast, hast du alle gesehen.“ Dennoch scheinen die Menschen dieses Genre zu lieben, und es hat in den letzten Jahren eine Art Wiederauferstehung erlebt. „Knives Out“ war ein Erfolg und „See How They Run“ kam sowohl beim Publikum als auch Kritikern gut an. Was, glauben Sie, fasziniert die Menschen an diesem speziellen Genre?

Kopernick hat nur zur Hälfte recht. Er hat recht, dass es sich um ein Genre handelt, welches dem Publikum vertraut ist. Wahrscheinlich mehr als jedes andere Genre, vielleicht abgesehen von Slasher-Horrorfilmen. Sie verstehen den grundlegenden Aufbau eines Krimis. Es muss einen Detektiv geben, es muss Verdächtige geben und irgendwann werden sie auf irgendeine Weise zusammengebracht. Ich glaube, der Grund, warum das Publikum immer wieder zu diesem Genre zurückkehrt, ist die Tatsache, dass es sich perfekt für großartige Geschichten eignet. Die Zuschauer haben denselben Blickwinkel wie der Detektiv. Auch sie versuchen, den Fall zu lösen. Das macht den Fall für die Zuschauer zu einem spannenden Erlebnis.

Als Filmemacher versucht man immer, das Publikum dazu zu bringen, sich mit seinen Hauptfiguren zu identifizieren. Und bei einem Krimi hat man in dieser Hinsicht einen gewissen Vorsprung, weil die Zuschauer ebenfalls versuchen, den Fall zu lösen, genau wie der Detektiv. Aber es ist auch ein großartiges Genre für große Ensembles. Es macht Spaß, sie unter Druck zu sehen. Der Detektiv muss den Fall aufklären, die Verdächtigen wollen ihre Unschuld beweisen und der Mörder will ungeschoren davonkommen. Diese Art von Druck ist großartig für Drama und Komödie.

Die Herausforderung besteht also darin, etwas Neues zu kreieren. Denn in diesem Genre wurde schon fast jede Geschichte erzählt. Jeder war mal der Mörder. Der Butler hat es getan, oder sie haben als Gruppe zusammengearbeitet. Was mich an „See How They Run“ begeistert hat, ist das Meta-Element. Ich dachte, das war ein interessanter Ansatz.

Sie haben erwähnt, dass sich Krimis hervorragend für große Ensembles eignen. Für „See How They Run“ haben Sie eine All-Star-Besetzung zusammengestellt. Von Saoirse Ronan über Ruth Wilson bis hin zu Sam Rockwell – wie glücklich waren Sie, als diese Schauspieler zugesagt haben?

Ein Traum ging in Erfüllung. Die Besetzung hat unsere Erwartungen übertroffen. Saoirse, Sam und David waren schon früh dabei, und das hat dazu beigetragen, dass andere Schauspieler Interesse zeigten. Aber es war einfach toll, alle an Bord zu haben. Es ist auch eine schöne Mischung. Wir haben große Filmschauspieler und einige meiner Comedy-Helden von Großbritannien wie Sian Clifford und Charlie Cooper.

Empfanden Sie einen gewissen Druck, einen guten Film abzuliefern, nachdem diese namhaften Schauspieler zugesagt haben?

Ja, natürlich. Aber ich habe versucht, nicht darüber nachzudenken. Denn wenn man zu viel darüber nachdenkt, beeinflusst das die Arbeit. Ich habe mich nur auf die Dinge konzentriert, die ich auch kontrollieren kann. Und das Gute daran ist, dass man als Regisseur immer beschäftigt ist. Man hat keine Zeit, darüber nachzudenken, wie groß diese Besetzung ist. Ich wollte eine Atmosphäre kreieren, dass eine Gruppe von Freunden gemeinsam einen Film dreht. So arbeite ich am liebsten.

Ich war einfach glücklich, dass diese Schauspieler zugesagt haben. Ich hatte großes Glück, diese unglaubliche Gruppe erfahrener Schauspieler um mich zu haben.

Sie haben Charlie Cooper erwähnt, mit dem Sie schon an der Serie „This Country“ zusammengearbeitet haben. War es von Anfang an Ihr Plan, ihn für diese wichtige Rolle zu casten?

Ja, war es. Ich wusste, was für ein brillanter Schauspieler er ist. Es gibt noch ein weiteres Mitglied der Besetzung von „This Country“, Paul Chahidi, der einen Butler spielt. Ich wollte sie an Bord haben, weil sie sehr talentiert sind. Darüber hinaus verstehen wir uns sehr gut, denn wir haben einige Jahre lang zusammengearbeitet. Sie wissen, wie ich gerne arbeite. Das erleichterte die Kommunikation am Set. Auch für den Rest des Ensembles war das nützlich, denn sie haben ein Gefühl dafür entwickelt, wie ich mit Schauspielern arbeiten möchte.

Nach dem Film sehnt man sich nach weiteren Abenteuern mit dem Duo Inspektor Stoppard (Sam Rockwell) und Constable Stalker (Saoirse Ronan). Gibt es Pläne für eine Fortsetzung?

Im Moment haben wir keine Pläne für eine Fortsetzung. Aber es ist interessant, dass du das sagst. Denn schon bei meinem ersten Treffen mit Searchlight habe ich ihnen gesagt, dass man am Ende dieses Films Lust bekommen sollte, mit diesen Figuren auf weitere Reisen zu gehen. Wenn das Publikum dieses Gefühl entwickelt, haben wir gute Arbeit geleistet. Und ob es in der Zukunft eine Gelegenheit für weitere Abenteuer geben wird – wer weiß. Aber wir wollten auf jeden Fall dieses Gefühl erzeugen.

Sie haben erwähnt, dass Brody und Oyelowo aus den USA gekommen sind, um den Film zu drehen. Ich habe kürzlich mit Ruben Östlund gesprochen und er hat mir gesagt, dass er kein Interesse daran hat, Hollywood-Filme zu drehen. Er würde lieber amerikanische Schauspieler nach Europa holen. Haben Sie den gleichen Ansatz oder würden Sie gerne eines Tages bei einem Hollywood-Film Regie führen?

Ich kann seinen Punkt gut verstehen. Es gibt wahrscheinlich Leute, die besser für Hollywood-Filme geeignet sind. Was meine Filme hoffentlich für das Publikum attraktiv macht, ist diese englisch-europäische Qualität. Ein weiteres Thema in dem Film ist der Unterschied zwischen amerikanischem und europäischem Filmgeschmack. Ein amerikanischer Regisseur, der von Brody gespielt wird, kommt nach Großbritannien und versucht, dem englischen Team, mit dem er zusammenarbeitet, seine Vision davon aufzuzwingen, wie ein Film gemacht werden sollte.

Es ist auch für die amerikanischen Schauspieler aufregend. Besonders für David, der zuvor noch nie so einen Film gedreht hat. Das ist immer aufregend für mich, Schauspieler zu casten und sie von einer anderen Seite zu zeigen. Bei Saorise ist es das Gleiche. Sie hat zwar in „Lady Bird“ mitgespielt, aber das war eine andere Art von Komödie.

Was steht als nächstes für Sie an?

Ich arbeite gemeinsam mit Mark Chappell, der „See How They Run“ geschrieben hat, an einem neuen Drehbuch. Wir hatten zuvor noch nie miteinander gearbeitet, aber ich fand die Zusammenarbeit klasse und daher freue ich mich schon auf den nächsten gemeinsamen Film.

Vielen Dank für das Gespräch!

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