Sprachliche Abwertung: Der vermeidbare Rassist in uns

Die Grundtatsache aller Geschichte ist die Rasse. Rasse erzeugt Religion. Rasse erzeugt legale und ethische Kriege”. Nein, dies ist kein Zitat aus irgendeinem Traktat eines Hardliners. Der Satz entstammt vielmehr einer der harmlosen “Pater Brown”-Detektivgeschichten vom Anfang des vergangenen Jahrhunderts.

Wer sich anschickt, Frieden zu wollen, zu machen, zu erhalten, tut gut daran, genau darüber nachzudenken, worauf er sich da einlässt. Denn wenn etwas an dem kleinen Zitat des Krimiautors Chesterton dran ist, hat man es mit sehr viel mehr zu tun als mit der Frage nach Krieg oder Frieden. Unter der Oberfläche der Frage der Gewaltanwendung oder -vermeidung verbergen sich also solche nach der wahren Natur des Menschen, nach seinen Antrieben, Trieben und Abgründen. Wenn wir diese Dimension nicht ins Kalkül ziehen, laborieren wir beim Versuch, “Frieden zu wahren” immer nur an der Oberfläche.

Was meinen wir, wenn wir von Frieden sprechen?

Denn was meinen wir, wenn wir von “Frieden” sprechen? Gehen wir so anspruchsvoll an das Vorhaben heran wie der große deutsche Philosoph Immanuel Kant, der in seiner Schrift “vom ewigen Frieden” 1795 davon sprach, dass “jeder Friedensschluss, der nicht die Kriegsgründe beseitigt, nur bloßer Waffenstillstand” sei?

Spinoza ist es, der ähnlich argumentiert und kühn postuliert: “Frieden ist nicht die Abwesenheit von Krieg”. Ein Satz, dem man sofort zustimmen möchte, wenn man nicht zugleich reflexartig versucht wäre zu fragen: Warum? Warum genügt es nicht, dass die Waffen schweigen. Warum kommt uns die Losung der 80er Jahre “Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin” heute irgendwie platt und schal vor? Vielleicht weil wir ahnen, dass tief im Unterfutter unserer Seelen auch etwas ganz anderes lauert. Nicht Friedenssehnsucht, sondern Kriegslust.

“Der Friede ist so ölig und faul”

Wie schreibt der Lyriker Georg Heym so verräterisch ganz kurz vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs, fast angeekelt über die Idee des Friedens: “Der Friede ist so faul ölig und schmierig wie eine Leimpolitur auf alten Möbeln”. Was für eine Vorstellung, den bloßen Gedanken an “Frieden” als Inkarnation fauligen Stillstands zu begreifen. Und Heym stand mit diesem Ekelgefühl nicht allein. Der Ruf nach Krieg beseelte Hunderttausende. Wie ein reinigendes Gewitter, als der Ausdruck eines großen kollektiven, nationalen Atems erschien er vielen, die euphorisch an die Front stürmten.

Das Ergebnis dieser seelischen Erhebung lässt sich auf den Reihengräbern der Soldatenfriedhöfe besichtigen. Ein viertel Jahrhundert später waren wir keinen Deut friedlicher geworden – der Wille zum “totalen Krieg” schien teils ungebrochen. Und auch das Nachkriegseuropa ist nicht der Friedenskontinent, als der er sich gern feiert – allein die Balkankriege 91/92 forderten über 250 000 Menschenleben. Taksim, Tahrir, Maidan, Ukraine, Türkei, Katalonien, Bergkarabach – überall lodern immer wieder Feuer ethischer, religiöser Kriege auf. Und die Quelle all dessen, das unselige Erbe des latenten Rassismus schlummert noch immer in uns.

Interne rassistische Reflexe

Mit “Rassismus” meine ich nicht nur die Methode, die Menschen nach äußerlichen Merkmalen zu unterscheiden und ethisch voneinander ab- und auszugrenzen. Neben diesem externen Rassismus sollten wir auf die internen rassistischen Reflexe achten, die unsere Wahrnehmung permanent steuern. Im Kern geht es dabei primär immer um die Art und Weise, wie wir unsere Umwelt kategorisieren. Ob wir das Andere einfach als das “Andere” sehen oder als das weniger Wertvolle, das Unterlegene.

Eine banale Erkenntnis? Mag sein. Wenn es so ist, haben wir uns Jahrhunderte lang von Banalitäten steuern lassen. Wir können entschuldigend sagen: Wir wurden dazu erzogen. Eine wirkliche Entschuldigung ist das nicht. Bereits Friedrich Schiller, der angeblich “deutscheste” der klassischen Weimaraner, war gedanklich weiter als wir Erben der Moderne.

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Sein Satz “Nationalgeist eines Volks nenne ich die Ähnlichkeit und Übereinstimmung seiner Meinungen und Neigungen bei Gegenständen, worüber eine andere Nation anders meint und empfindet”, ist sicherlich eine der weniger häufig zitierten, aber eindrucksvollsten Sätze aus seinem Werk. Die Anderen sind also möglicherweise etwas anders, aber weder besser noch schlechter als man selbst. Eine ebenso einfache wie eingängige Botschaft, die im Grunde überall ohne große Erklärung eingängig sein müsste und mit einem Schlag das Thema Krieg oder Frieden entscheiden und beenden müsste.

Doch wir müssen feststellen, dass es diese Botschaft einer dauerhaften Befriedung, einer Auflösung der Feindbilder zugunsten eines humanen Realismus und Relativismus ebenso schwer hat, wie die Rufe der Kassandra, gehört, mehr noch – respektiert zu werden.

Es gibt viele Beispiele in der Literatur

Warum dies so ist? Weil, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, die ominöse “dunkle” Seite in uns angelegt ist. Beweise? Habe ich keine. Aber starke Indizien. Schauen wir in die Literatur, die ja unser Verhalten wie unter einem Brennglas spiegelt. 431 v. Chr., Euripides “Medea”: Die fremde Frau, die Barbarin wird als Hexe, Zauberin, Mörderin dargestellt und diffamiert. 1604. Shakespeare, “Othello”: Der schwarze General, bestens integriert und in Venezianischen Diensten, wird im Moment der Provokation zu einem Monster, das seine unschuldige Frau vorsätzlich erwürgt.

In der Moderne radikalisiert sich diese Tendenz und wird in den antisemitischen Hetzschriften, Romanen und Filmen seinen traurigen Höhepunkt finden. Das Schema ist immer das gleiche: Der oft perfekt assimilierte “Jude”, den man kannte und mit dem man verkehrte, wird enttarnt und als schäbige, hinterhältige Kreatur entlarvt. Sein Opfer: unschuldige, gutgläubige, vertrauensselige Mitglieder der eigenen – in diesem Fall deutschen – Community. Ein monströses Täuschungsverfahren, das sich manipulativ gegen alle Wahrscheinlichkeit und Erfahrung in Millionen von Gehirnen übertragen ließ – eine mentale MassenIntoxikation.

Ich erwähne dies nicht, um abzulenken und in die Kiste der Vergangenheit zu greifen, sondern nur, weil sich dieses primitive Schema der Aufspaltung der Welt in eine “gute”, die eigene, und eine “böse” Seite ungebrochen bis in unsere angeblich so dekonstruktive, postmoderne Welt fortsetzt.

Von Trump über Bolsonaro und Orban

Der bald ehemalige amerikanische Präsident Trump ist hierfür ebenso exemplarisch wie andere erfolgreiche Leader, die sich in jüngerer Zeit unrühmlich als Scharfmacher hervorgetan haben – gleich ob Karadzic, Bolsonaro, Orban …. Ganz offenbar herrscht gerade in komplexen, verwirrenden Zeiten wie der unseren ein starkes Bedürfnis nach einfachen “Wahrheiten”, beziehungsweise nach Lügen, die im Gewand der Wahrheit auftreten. Und genau diese Gefühle werden von jenen erzeugt, die es auf Konflikte anlegen.

Jeder Krieg hat ein Vorspiel aus Sprache, jedem Krieg geht ein Krieg der Wörter voraus: Feindbilder werden aufgebaut, Opfermythen ausgegraben, Schwarz-Weiß-Bilder gemalt – zwischen “uns” und “denen” wird erst eine sprachliche, dann eine faktische Mauer gezogen. So werden die Fronten systematisch verhärtet – der Zeitpunkt und die Art der Explosion ist nur mehr eine Frage der äußeren Umstände.

Hat man diese beiden Faktoren klar erkannt und in Rechnung gezogen, kann die Frage der Wahrung des Friedens neu gestellt und neu beantwortet werden. Es kann nicht darum gehen, die ambivalente Natur des Menschen zu ändern. Dies wäre mit Don Quichotes Versuch, gegen Windmühlen vorzugehen, vergleichbar. Pazifistisch. Hilflos.

Zugleich aber lernen wir, den Krieg nicht als naturgegebenes Schicksal hinzunehmen, sondern ihn als gemacht, also strategisch vorbereitet zu begreifen. Was von Menschen gemacht ist, kann durch Menschen verhindert werden.

Es gilt, Gegennarrative zu entwickeln

Zwischen den Taten der ideologischen Scharfmacher und der massenhaften Eskalation des Konflikts vergehen in der Regel Wochen, Monate, Jahre. Exakt dieses Zeitfenster gilt es zu nutzen, um wieder die Luftherrschaft im Bereich der Sprache zu erlangen. Im Zeitalter der sozialen Medien und der Medien verfügen wir über ein gewaltiges Arsenal von Techniken, um den tödlichen Parolen und Losungen der Verhetzung etwas entgegenzusetzen: Gegennarrative zu entwickeln. Verführerische Sprechblasen zum Platzen zu bringen, die Menschen weniger anfällig für falsche Verheißungen zu machen.

Die Medien sind, zugegeben, ein Instrument der Manipulation. Richtig verwendet können sie freilich auch eines der Information über Hintergründe und der Korrektur sein. Und zwar ohne moralisierend auf die Menschen einzureden. Es genügt, sie zur Besinnung zu bringen.

Mein liebstes Beispiel datiert aus dem Serbien-Krieg. Jedes amtliche Gebäude wurde streng nationalistisch beschriftet und als Teil der “Republika Srpska” benannt. Ein Sprayer hatte den Mut, die patriotisch-bombastische Sprechblase mit ein paar Worten zum Platzen zu bringen, als er darunter schrieb: “Idiot, hier ist die Post!”

Von Jürgen Wertheimer ist zuletzt erschienen: “Europa – eine Geschichte seiner Kulturen” (Penguin, 576 Seiten, 80 Abbildungen, 26 Euro)

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