Kanada: Online-Rechner sagt Todeszeitpunkt von Pflegebedürftigen voraus

„Elder-Life Calculator“: Bessere Planung für Angehörige?

Forscher aus Kanada haben einen Online-Rechner (“Elder-Life Calculator”) entwickelt, der den wahrscheinlichen Todeszeitpunkt von Pflegebedürftigen ermitteln soll. Familien und Angehörige sollen durch das Tool besser planen können, wie die Patienten gepflegt werden. Ob beispielsweise eine Pflege noch notwendig ist oder schon palliative Maßnahmen ergriffen werden sollen.

Tool basiert auf Daten Pflegebedürftiger aus Kanada

Wie berechnet der sogenannte “Elder-Life Calculator”, wann eine ältere Person sterben wird? Das funktioniert mit einem Algorithmus. Dieser basiert auf mehr als 491.000 Daten von älteren Erwachsenen aus Kanada, die im Zeitraum von 2007 bis 2013 zuhause gepflegt wurden und teilweise später starben. In dem Datensatz sind Gesundheitsinformationen enthalten, die standartisiert sind. Diese wurden durch das “Resident Assessment Instrument for Home Care” (RAI-HC) erfasst, welches Mitarbeitern im Gesundheitswesen ermöglicht, den Bedarf an Pflege und Therapie für Pflegebedürftige zu beurteilen und zu planen. Eingesetzt wird dieses Verfahren in den USA, in der Schweiz, in Japan und Dänemark. In Deutschland ist es bisher nicht etabliert.

Der Online-Rechner greift auf 1,3 Millionen solcher RAI-Beurteilungen und insgesamt 298.657 Todesfälle zurück. Durch diese Daten ist es möglich den wahrscheinlichen Todeszeitpunkt eines Patienten zu errechnen.

Bei der Nutzung des “Elder-Life Calculator” müssen mehrere Fragen beantwortet werden. Dies dient dazu, verschiedene Parameter der Gesundheit widerzuspiegeln. Dazu zählen Alter, Geschlecht, kognitive Beeinträchtigung, Krankheiten, soziodemografische Faktoren, allgemeiner Gesundheitszustand und der Gebrauch von Gesundheitsleistungen. Der Rechner berechnet damit die Wahrscheinlichkeit des Todes mit Angaben innerhalb von drei Monaten, einem Jahr und fünf Jahren.

Experten schätzen den Nutzen und Funktionalität des Prognosemodells ein

In erster Linie soll das in Kanada entwickelte Tool dazu dienen, Pflegebedürftigen und deren Angehörigen eine Entscheidungshilfe zu bieten. Inwieweit das wirklich geeignet ist, schätzen einige Experten ein.

PD Dr. Stefan Lange ist stellvertretender Leiter am Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Er hebt gegenüber dem Science Media Center positiv hervor, dass das Prognosemodell gemäß methodischer Standards entwickelt worden ist. Auch einen möglichen Nutzen des Rechners hält er für möglich, damit ältere Menschen in ambulanter Pflege frühzeitig das Angebot einer palliativen Versorgung erhalten.

Dennoch birgt das Modell auch negative Effekte. Diese sieht Dr. Stefan Lange besonders darin, dass die Versorgung der Patienten sich durch die Sterbeprognose auch verschlechtern könnte: “Die Risiken liegen auf der Hand: Ergebnisse eines solchen Modells könnten dafür missbraucht werden, nicht etwa Versorgung zu verbessern, sondern – im schlimmsten Fall – Versorgung minimalistisch (,preiswert’) zu gestalten und damit zu verschlechtern (…).”

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Bedürfnisse einzelner Patienten nicht beachtet

Weitere Kritik kommt von Dr. Annette Rogge, Oberärztin für Klinische Ethik am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Sie merkt an, dass die Belange der einzelnen Personen nicht aus den Augen gelassen werden dürfen: “Der Bedarf an palliativmedizinischer Versorgung lässt sich auch nicht allein an einer vermuteten oder vermeidlich errechneten Restlebenszeit festmachen. Er ergibt sich aus der individuellen Situation des Patienten/-in im sozialen Umfeld und den körperlichen und psychischen Symptomen einer Erkrankung.” Zudem würden solche Vorhersagen Ängste, Depressionen und Selbstaufgabe beim Patienten auslösen.

Ob ein solches Modell auch in Deutschland möglich wäre, ist eher fraglich. Dr. Lange sieht das eher kritisch, da das Modell in Kanada entwickelt wurde. Dort gäbe es deutlich andere Versorgungsstrukturen als in anderen Ländern. (pdr)



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