Einsamkeit in der Liebe: Eine Hommage zum 85. Geburtstag von Alain Delon

Es ist der 19. Mai 2019. Ein Sonntag. Der Abend bricht an und senkt sich allmählich über die kleine Küstenstadt an der Côte d´Azur. Blue hour. Tagsüber lichtdurchflutete Kulisse vor azurblauem Meer, abends spiegeln sich Glamour und Glitter in der Festival-Nacht. Hierher kehrt er noch einmal zurück, und es ist, vielleicht, das letzte Mal.

Ein Hauch von Wehmut liegt in der lauen Luft dieses Abends über den Internationalen Filmfestspielen von Cannes.

Alain Delon kehrt nach Cannes zurück – an diesen ebenso magischen wie mythischen Ort des Kinos, an dem damals, im Mai 1957, alles begann, als er als 21-Jähriger erstmals die berühmte Croisette entlangschlenderte und niemand ihn kannte. Jahrzehnte liegen zwischen diesen beiden Fixpunkten, ausgefüllte Jahre prallen gelebten Lebens, eine weit über 100 Kino- und Fernsehfilme umspannende internationale Schauspiel-Karriere.

Alain Delon: Ein Mann – ein Mythos

Alain Delon ist längst selbst zum Mythos geworden. Als er auf der Bühne des großen Debussy-Saals des Festival-Palais steht, dort, wo er in den vergangenen Jahrzehnten einige Male schon stand, da ist dieser 83-jährige Mann sichtlich angefasst und bewegt. Alain Delon stehen die Tränen in den Augen, als seine Tochter Anouchka ihm die Palme d’or d’Honneur, die Goldene Ehren-Palme für sein Lebenswerk überreicht, nachdem sie vorher auf der Bühne an ihn gewandt gesagt hat: “Das Kino kann von Glück reden, dass es dich hat. Du stehst zu deinen Überzeugungen, du bist authentisch, und du traust dich was.”

Vater und Tochter umarmen sich, und, mit Stolz und Ergriffenheit, hebt er die Auszeichnung hoch, woraufhin sich der gesamte Saal erhebt und ihm Respekt zollt. Standing Ovations, viele Minuten lang.

Dann ergreift Alain Delon das Wort: “Ich freue mich sehr, diese Palme für mein Lebenswerk zu bekommen, dem einzigen auf der Welt, auf das ich stolz bin. Für mich ist dieser Abend weniger das Ende einer Laufbahn als das Ende eines Lebens. Dass ich ein Star bin, verdanke ich einzig und allein den Zuschauern. Ich habe immer nur meine Arbeit gemacht. Vielen Dank.”

“Ich denke an Romy”

Er will schon von der Bühne abgehen, ist bereits ein paar Schritte gegangen, da macht er plötzlich kehrt und kommt noch einmal zurück und nennt – neben dem Namen seiner früheren Lebensgefährtin Mireille Darc – ihren Namen: “Ich denke an Mireille – und an Romy.”

Er ist in diesem Moment auf der Bühne nicht weniger ergriffen als in all den Momenten zuvor, doch es kommt noch etwas anderes hinzu: Er strahlt Sanftheit aus, scheint plötzlich weich und verletzlich. Dort vorne, auf der Bühne dieses großen Saals, in dem mit die wichtigsten Film-Trophäen der Welt verliehen werden, steht ein Mann, der, entgegen dem öffentlich skizzierten Bild, das das Publikum seit jeher von ihm hat, durch Sensibilität und Authentizität berührt.

Es ist ein sehr kleinbürgerliches Milieu, in das Alain Delon am 8. November 1935 in dem kleinen Pariser Vorort Sceaux hineingeboren wird und das, für einige wenige Jahre, sein Zuhause ist. Seine Mutter Édith Arnold arbeitet als Assistentin in einer örtlichen Apotheke, sein korsischer Vater Fabien Delon ist stolzer Betreiber des einzigen Filmtheaters am Platz, des “Le Régina”.

Kind einer kurzen Liebe

Eigentlich ist der kleine Alain ein Kind der Liebe, doch die Liebe seiner Eltern, sie hält nicht lange. Als Alain vier Jahre alt ist, trennen sich seine leiblichen Eltern. “Ich habe meine Eltern einander niemals küssen sehen”, wird Alain Delon rückblickend einmal sagen. Hier, in der Gemeinde Bourg-la-Reine, setzt mit der Trennung der Eltern die familiäre Haltlosigkeit Alain Delons ein, die einerseits die Suche nach Liebe nach sich zieht, ein Leben lang, andererseits zugleich den ausgeprägten Hang zu Isolation und Einsamkeit grundiert. Er ist stets der Störenfried, das Enfant terrible.

von Rauchwetter/dpa

Es ist der Grundstein seiner ausgeprägten Ambivalenz, die seinen vielschichtigen Charakter ausmacht: Die Suche nach Liebe und zugleich der Drang nach Einsamkeit. Das später durchaus Dunkel-Zwielichtige und zugleich die große Hilfsbereitschaft, wenn Freunde oder Ex-Frauen in Not sind. Es sind die zwei Gesichter des Alain Delon.

In den 80er Jahren ist Delon in einem Fernseh-Interview zu sehen, wie er über Einsamkeit spricht, die er, wenn er sie mal nicht mehr spüre, umso dringender brauche, ohne sie nicht leben könne. Einsamkeit sei kein Makel, so Delon weiter, sondern etwas, was er liebe.

Vorsichtig, misstrauisch, scheu gegen die Presse

Er kennt sie seit seiner Kindheit vor den Toren von Paris. Delon und Nähe, Delon und Greifbarkeit – das ist fast unmöglich. Immer wird Alain Delon später, als öffentliche Person, vorsichtig sein, misstrauisch, scheu der Presse gegenüber und nur selten und ungern Interviews geben.

Ausgerechnet im Krieg in Indochina, ausgerechnet in der Armee scheint Alain Delon schließlich etwas zu finden, was er bisher vergeblich suchte. Er ist weit weg von zu Hause und weit weg von seinen Freunden aus der Vorstadt. Er fühlt sich hier zum ersten Mal frei. Frei, unabhängig und bei sich. Über seine Erfahrungen in Indochina wird Delon – der heute nicht zuletzt auch wegen kontroverser homophober Aussagen und seiner Nähe zum Front National in der Kritik steht – einmal sagen, dass er un animal sauvage gewesen sei, ein wildes Tier. Und dass seine Zeit in Indochina in den Jahren 1953 bis 1956 seine glücklichste gewesen sei.

Auf den Krieg folgt der Film, und es beginnt Ende der 1950er Jahre eine der steilsten Karrieren des französischen Films: Eine der ersten Produktionen für den 23-jährigen Delon ist die Arthur-Schnitzler-Verfilmung “Christine” (1958), die in Paris und in Wien gedreht wird. Hier begegnet er der 20-jährigen Romy Schneider. Delon nennt sie bis heute die Liebe seines Lebens.

Ein roter Rosenstrauß für Romy

Den für sie beide so denkwürdigen Tag, es ist der 10. April 1958, beschreibt Romy später: “Und dann kam Alain Delon. Wir flogen nach Paris. Die Filmproduktion hatte auf dem Flughafen für die Presse ein Treffen mit meinem Partner Alain Delon arrangiert. Ich hasste diese Flughafen-Empfänge. Die Tür wird geöffnet, man tritt auf die Rolltreppe, Mammi steht hinter einem und flüstert ins Ohr: ,Jetzt lächeln, lächle…’ So war es auch dieses Mal. Lächeln. Blitzlichter. Starrende Augen.

Unten vor der Rolltreppe stand ein zu schöner, zu wohlfrisierter, zu junger Bursche, ganz als Gentleman verkleidet, mit Schlips und Kragen und einem übertrieben modischen Anzug: Alain Delon. Der Strauß roter Rosen in seiner Hand war auch zu rot. Ich fand das Ganze geschmacklos und den Knaben uninteressant.” Romy weiter: “Auch er fand mich zum Kotzen – so drückte er sich später aus.”

Aus anfänglicher ausgeprägter Antipathie wird nicht nur Sympathie, sondern leidenschaftliche Liebe mit Höhen und Tiefen, die etwa fünf Jahre anhalten soll. Sie sind jung, sie sind schön, und ihnen liegt die Welt zu Füßen. Sie werden zum Traumpaar des europäischen Kinos, spielen unter Luchino Visconti Theater in Paris, reisen von Filmset zu Filmset, von Metropole zu Metropole. Delon dreht Film auf Film, darunter “Rocco und seine Brüder” und “Nur die Sonne war Zeuge”.

Trennung von Romy Schneider – per Zettel

Er wird zum leuchtenden Star, seine Schönheit betört jede und auch jeden. Im Dezember 1963 trennt sich Delon von Romy. Sie kommt aus den USA von Dreharbeiten zurück in die gemeinsame Pariser Wohnung in der Avenue de Messine. Er ist nicht da. Stattdessen ein Strauß roter Rosen und ein Zettel, auf dem sie liest: “Bin mit Nathalie nach Mexiko. Alles Gute. Alain.” Romys Herz wird gebrochen, es ist bei Weitem nicht das letzte Mal.

Dennoch drehen sie 1968 noch “Der Swimmingpool” miteinander, heute ein Kultfilm, und 1972 ihren dritten und letzten gemeinsamen Film, Jospeh Loseys Polit-Drama “Die Ermordung Trotzkis”.

Für Alain Delon sind die 60er sein Jahrzehnt: alle wollen sie mit ihm drehen – Regie-Meister wie Visconti, Melville, Deray, Verneuil.

Späte Jahre als einsamer Samurai

Melvilles Film noir “Der eiskalte Engel” wird 1967 zum Riesenerfolg und für Delon eine seiner wichtigsten, stilbildenden Rollen – der Einsame, der Samurai. Wo die Grenzen zwischen Person und Rolle verlaufen, ist nicht mehr auszumachen.

Aber immer ist da auch die andere Seite des eiskalten Engels: Als Romy Schneider am 29. Mai 1982 stirbt, mit nur 43 Jahren, viel zu jung, viel zu früh, da ist Alain Delon es, der sich als einer der ersten am Totenbett einfindet, ist er es, der alles regelt, für alles aufkommt, ihre Beerdigung organisiert und bezahlt und die Presse abwimmelt.

Vor kurzem sagte Alain Delon, der am Sonntag seinen 85. begeht: “Ich habe nie gespielt. Ich habe meine Rollen gelebt.”

Thilo Wydra: “Romy & Alain – Eine Liebe in Paris” (Heyne, 352 Seiten, 40 Abbildungen, 22 Euro)

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