Ecco Meineke über ein Jahr Corona: Showtreppe abwärts

München – Tausende Münchner sind mit ihm in der Vergangenheit auf Tollwood ins neue Jahr getanzt, wenn Ecco di Lorenzo and his Innersoul auf der Silvesterparty aufgespielt haben. Aber Ecco Meineke war auch sieben Jahre lang im Ensemble der Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Und das sind nur zwei der vielen Facetten des Künstlers, dessen Leben durch Corona auf den Kopf gestellt wurde.

AZ: Herr Meineke, vergangenen Donnerstag hatten Sie trotz der vermaledeiten Pandemie endlich mal wieder einen Auftritt. Erzählen Sie doch mal!
ECCO MEINEKE: Ich hab’ meine Wahnsinns-Aktion namens Jahresanfangsrückblick gemacht: ein Kabarettstück innerhalb von drei Wochen schreiben und auf die Bühne bringen. Das mache ich ja seit fast zehn Jahren so. In der Lach und Schieß ist es wegen Corona natürlich ausgefallen, und auch sechs weitere Auftritte sind deswegen geplatzt. Nur eine Bühne hat durchgehalten, dank eines Livestream-Konzepts, das sie schon 47 Mal gemacht haben: die Kulturbühne Hinterhalt in Gelting. Die haben das ganze Stück aufgezeichnet, live gestreamt, und ab 4. Februar ist das dann auf der österreichischen Plattform true-live.com dauerhaft im Netz zu sehen.

Kostenpflichtig?
Nein, frei einsehbar. Für uns Künstler aber besser entlohnt als bei Youtube. Da steht es rum und bringt erst in hundert Jahren was: ein paar Cent. Was aber über true-live an Spenden reinkommt, geht an die Produzenten, die Plattform und auch an mich.

Halleluja. Der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Wie ist es Ihnen als Bühnenmensch in der Pandemie bislang ergangen? Sind die versprochenen Hilfen bei Ihnen angekommen?
Es ging im März los mit der Soforthilfe, die auch überwiesen wurde. Ich hatte aber das Glück oder das Pech, dass sie nur meine Betriebskosten getragen hat – zum Leben blieb deshalb noch nichts übrig. Das Ganze ist ein Geburtsfehler. Da ich als Kabarettist kaum klassische Betriebskosten habe, bin ich durch alle Förderraster gefallen. Dann kam der berühmte Söder-Tausender: der volle Reinfall! ‚Wir helfen den Künstlern’, hieß es ursprünglich – ich habe das beantragt, es wurde auch genehmigt, aber die Soforthilfe wurde davon abgezogen, was ich für einen totalen Schwachsinn halte. Ich hatte gehofft, dass ich die drei Monate von Juni bis August etwas zum Leben habe, aber nach Abzug der Soforthilfe blieben mir pro Monat 20 Euro vom Söder-Tausender. Dann ging’s schon abwärts – und ich war gezwungen, Hartz IV zu beantragen.

Wie viel Geld ist das?
Ein bisschen was über 1000 Euro. Auch mit Hartz IV ist man pleite. Man verreckt. Die Mieten in München werden nicht weniger, man bezahlt ja seine Renten- und Krankenversicherung weiter, GEZ- und Telefongebühren, Zeitungs-Abo – was man halt so hat. Es reicht hinten und vorne nicht, und es wird schwierig, da wieder rauszukommen.

Hatten Sie zumindest im Open-Air-Sommer ein paar Auftrittsmöglichkeiten?
Schon. Gut, dass es die Sommerkonzerte gab. Aber das war ja ein kurzer Spaß. Und dummerweise wurde mir jetzt auch noch die Wohnung gekündigt, wegen Eigenbedarf.

Na servus!
Das geht vielen so. Es gibt momentan einfach Zehntausende von Kündigungen in München wegen Eigenbedarfs, weil natürlich auch die Anleger von der Pandemie betroffen sind und sich das dann da holen, wo sie es kriegen können: nämlich von unten. Die schauen, dass sie die Leute rauskriegen, damit sie ihre Wohnungen doppelt so teuer vermieten können. Und mich hat’s jetzt auch erwischt: Ich muss am 1. April raus. Aber vielleicht gibt es ja noch ehrliche Vermieter. Dadurch, dass ich unverschuldet Sozialhilfeempfänger geworden bin, hätte ich theoretisch Anspruch auf eine Sozialwohnung. Bloß beträgt die Wartezeit tatsächlich und explizit sechs Monate.

Und die diversen Überbrückungshilfen, die man ja nur mit Hilfe eines Steuerberaters beantragen kann, bekommen Sie als Hartz IV-Empfänger sowieso nicht, oder?
Richtig. Das habe ich mittlerweile auch gelernt.

Das heißt, Sie müssten Hartz IV wieder kündigen, um irgendeine Überbrückungshilfe beantragen zu können, von der aber kein Mensch weiß, ob und in welcher Höhe sie jemals überhaupt ausgezahlt werden wird?
Genau. Das Erfolgserlebnis, das man hatte, wenn man dann doch mal irgendwie irgendwo live auftreten und mit seiner Kunst Geld verdienen konnte, hat man auch nicht mehr, weil die Gage von Hartz IV abgezogen wird.

Was für ein Albtraum.
Spaß macht das alles nicht. Unterm Strich heißt das: Wir brauchen ein bedingungsloses Grundeinkommen, ganz klarer Fall. Und zwar nicht nur für Künstler, sondern für alle.

Aber dieses Fass wird kein Politiker aufmachen wollen.
Nö. Dabei würde es ihnen sogar einen Wirtschaftsboom bescheren.

Vertrackte Situation. Wie geht’s weiter? Haben Sie einen Plan?
Ich habe im Herbst eine Ausbildung zum Synchronsprecher gemacht und setze darauf, dass ich da reinkomme. Ich hoffe jetzt auf Studios, die Sprecher suchen. Das sind nun meine Projekte: Wohnung und Studio finden. Und eben die Aufzeichnungen: aerosolfrei, nur mit einem Mann am Mischpult.

Wie war denn der Gig im Hinterhalt? Schon schräg, wenn man einfach so ins Leere spielt, oder?
Das war super! Ich hab’ ganz professionell mein Kabarett gespielt. Die Reaktionen waren fantastisch. Von den Klickzahlen war es gut besucht, so etwa 70 oder 80 Leute waren live dabei. Ich bin zufrieden. Und wenn das jetzt dauerhaft im Netz steht, kann immer noch weiter gespendet werden.

Respekt, wie Sie in Ihrer Lage noch den Kopf dafür haben, in so kurzer Zeit ein Bühnenprogramm in die Welt zu setzen.
Ja, das war doch schon ein Heber-Akt.

Dabei sind Sie als Multitalent ja nun wahrlich nicht auf eine Kunstform festgelegt: Kabarett, Soul, Jazz, Folk, Chanson, Klezmer, Salsa und und und…
Steht allerdings alles unter dem Hygieneverdacht. Ich glaube ja, dass es kein Problem wäre, die Kabarett- und Musikbühnen wieder aufzumachen. Die schlimmsten Geschichten passieren halt, wenn tausend schwitzende Leute sich tanzend vor der Bühne drängen – aber im Kabarett sitzen die Leute brav mit Maske am Platz und halten Abstand. Alle Bühnen haben inzwischen Hygienekonzepte. Wäre alles kein Problem.

Wie gehen Sie mit dieser fatalen Situation um?
Nicht unterkriegen lassen. Ich weiß ja, was ich kann. Ich bin kein Psycho-Fall, kein Opfer, sondern ein Macher. Es ist halt gerade alles ein bisschen schräg.

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