Dr. Mark Benecke und Duettpartnerin Dr. Bianca Stücker über ihr neues Album "We want it darker"

Zwei Künstler, ein dunkles und melancholisches Werk

Von Denise Kylla

Er ist Deutschlands bekanntester Kriminalbiologe, Vampirexperte und Insektenliebhaber: Dr. Mark Benecke. Zusammen mit Sängerin und Multiinstrumentalistin Dr. Bianca Stücker hat er das Album “We want it darker” aufgenommen – eine Hommage an den Singer-Songwriter Leonard Cohen. Darauf zu hören: Cover-Versionen der Songs “Chelsea Hotel No.2” und “Master Song” sowie drei Remixe und ein Intro, das auf die düstere Stimmung vorbereitet. Ab dem 30. Oktober ist das Werk zu haben. Wie es zu der Hommage an Poet Cohen kam und was das Hackbrett damit zu tun hat, erzählen Bianca und Mark im Interview mit RTL.

Wann seid ihr zum ersten Mal mit Leonard Cohen in Kontakt gekommen?

Mark: Fand ich schon immer gut, vermutlich, weil “Suzanne” ja superbekannt ist… wohl aus dem Radio. Ich hatte so einen Doppelkasettenrecorder im Jugendzimmer, mit eingebautem Radio, auf der Fensterbank. Dann kam die Best-Of und der Rest ist (mit unserer Platte) Geschichte.

Vor ein paar Jahren dröppelten die ersten Interviews mit ihm nach Youtube, wo er offen über seine sehr schweren Depressionen spricht. Das fand ich eindrucksvoll, auch sein Sohn berichtet, dass sein Vater am Ende nur Musik gemacht hat, weil er es sonst nicht mehr ausgehalten hätte. Cohen will und kriegt es halt schwärzer.

Als ich in den 1990er-Jahren in New York gelebt habe, stolperte ich durch Zufall auch mal über die “Lady in the Moon”, die er in einem Lied erwähnt. Sie war die Silberschmiedin für meinen Skarabäus-Gift-Ring (kein Witz). Niemand wollte ihn reparieren, aber die Lady schickte mich zu jemandem und so hat er noch einige Jahre überlebt, bis er in einem Hotelzimmer für immer verschwand.

Bianca: Ich durch den Film “Natural Born Killers”, da war ein Leonard Cohen-Song im Soundtrack – und im Großen und Ganzen war es das auch schon. Bis Mark damit um die Ecke kam!

Mark: Ach ja, stimmt, Film! Es gibt auch noch den supergeilen Film “McCabe & Mrs. Miller” voller Cohen-Musik. Schwarzweiß, langsam, schwer, so schwer, dass meine Frau sich weigert, ihn mit mir anzuschauen. Find’ ich erstklassig. Die Wiki schreibt ganz richtig: “Melancholische Grundstimmung: Manche Rezensenten haben angemerkt, dass McCabe & Mrs. Miller traumhaft, ja melancholisch wirkt und etwas ‘Schwebendes’ hat.”

Wie haben Euch Leonard-Cohen-Songs in Eurem bisherigen Leben beeinflusst?

Mark: Es war für mich schon eindrucksvoll, dass ein Popstar ganz offenen Songs über Bindungsunvermögen, BDSM und Oralverkehr machen kann, ohne, dass irgendwer rumniggelt. Das hat mir gezeigt, dass es manchmal auch darauf ankommt, wie etwas gemeint ist. Niemand unterstellte Cohen — und das war auch richtig so —, dass er Menschen ärgern oder schlecht machen will und so durfte er eben liebevoll und abgrundtief sein Leben führen und seine Kunst auch den angeblich normalen Menschen nahebringen. Bei seiner letzten Tour durfte ich einmal zusehen und ich werde nie vergessen, wie die eben angeblich “normalen” Menschen sich wieder wie in den 1960 und 1970er Jahren fühlten und, vielleicht, weil es bestuhlt war, ich mir wie auf einer Hippie-Blumenwiese vorkam. Nur, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer vorwiegend Kleidung in dezenten Farben und unauffälligen Schnitten trugen… an diesem Abend sind sehr viele Blüten ein letztes Mal erblüht.

Auf Eurem Album „We want it darker“ sind zwei Songs in verschiedenen Versionen: „The Master Song“ und „Chelsea Hotel No. 2“. Warum habt Ihr Euch für die beiden entschieden?

Mark: Bianca kannte die Musik vorher glaube ich gar nicht, aber sie wollte unbedingt, dass ich mir auch mal was wünsche. Ihr Wunsch nach meinem Wunsch war mir Befehl.

Bianca: So sieht’s aus – und nicht nur das! Er wünschte sich die beiden Stücke “mit Hackbrett”. Diesen Wunsch ließ ich innerlich dann erst einmal wirken, hörte mir die Originalversionen an und kam zu dem Schluss, dass ich gern die reduzierte Grundstimmung beibehalten und mit anderen Mitteln (Hackbrett statt Gitarre!) umsetzen wollte. Im Zentrum sollte die Geschichte stehen, die erzählt wird – die so zerbrechlich wirkende Erinnerung Leonard Cohens an seine Begegnung mit Janis Joplin im Chelsea Hotel, ausgelöst durch ihren Tod.

Mark: Hackbrett ist King! Allerdings hat Bianca noch zweitausend weitere Spuren mit verrückten Instrumenten dazu gemischt. Richtig schön ist das geworden.

Bianca: Beim “Master Song”, bei “Chelsea Hotel” sind es tatsächlich nur Hackbrett, etwas Cembalo und ein minibisschen Elektronik. Ich freue mich aber wirklich, dass es dir gefällt. Als ich dir den Kram geschickt habe, war ich mir nämlich überhaupt nicht sicher, wie du das finden würdest.

Das Chelsea Hotel in New York hat schon viele Künstler beherbergt. Habt Ihr es zur Inspiration für den Song besucht?

Mark: Ja, es gibt auch ein schönes Video auf Youtube von mir dazu. Ist um die Ecke meiner Wohnung in Manhattan gewesen. Das habe ich aber erst Jahre später gemerkt…

Bianca: Bei mir steht der Besuch noch aus.

Mark: Nächstes Mal fahren wir zusammen hin. Ich weiß auch schon, welches Zimmer wir nehmen, hihi.

Leonard Cohen setzte in seinen späteren Songs auf eine weibliche Stimme im Hintergrund. Ihr habt das Prinzip umgedreht – warum?

Bianca: Oh, das war mir gar nicht bewusst! Mark betrachtet sich ja nicht unbedingt als Sänger, darum habe ich erst einmal das ganze Grundgerüst aufgenommen, also überraschend viele Spuren, dafür, dass es ja eigentlich eher “reduziert” wirken sollte. So hat sich das dann wohl ergeben.

Mark: Bianca ist eine pailettentragende Diva und wollte einfach mal Chefin sein. Das soll sie auch, es macht mir Spaß, wenn sie mit Tönen jongliert, denn dann ist sie wirklich glücklich: “We are ugly, but we have the music” (Cohen).

Als die Idee geboren war, ein Leonard-Cohen-Album aufzunehmen, wie seid Ihr da vorgegangen?

Bianca: Zuerst habe ich mich gründlich mit den beiden Stücken vertraut gemacht und als die Idee feststand, die Geschichte in den Vordergrund zu stellen, habe ich mir neue Begleitungen überlegt, die zu den Instrumenten passen. Bei “Chelsea Hotel” ist das Hackbrett das Hauptinstrument (wie gewünscht), beim “Master Song” das Cembalo. Ich weiß noch, dass es beim “Master Song” etwas gedauert hat, bis ich etwas gefunden hatte, das mir gefiel. Die Struktur der Stücke habe ich beibehalten, aber beide haben noch zusätzliche Backings bekommen, besonders “Chelsea Hotel”, sodass sich daraus eine dynamische Steigerung ergab.

Beim “Master Song” tauchen im Original an mehreren Stellen kurz und fast etwas flüchtig andere Instrumente auf, diese Idee habe ich auch übernommen, nur eben mit meinem eigenen, merkwürdigen Kram. Tja – und dann musste Mark eigentlich nur noch zum Singen vorbeikommen.

Mark: Auch dazu gibt es ein Video, ist doch klar: Das Video finden Sie hier.

Wird man Eure Songs auch live hören können?

Mark: Mann, Bianca! Ich war jahrelang Sänger bei den “Blonden Burschen” und bin als Belcanto Benecke schon im Schauspielhaus Bochum als Geist von John Lennon und im Tanzbrunnen bei Werner Höfers (oder war es schon Linus’?) Talentprobe aufgetreten. Mehrfach! Ich bin beleidigt.

Bianca: Hervorragend! Dann wäre das ja schon mal geklärt. Wann geht unsere Tour los?

Bianca, Du bist Multiinstrumentalistin – welche Instrumente spielst Du und welche davon sind auf dem Album zu hören?

Bianca: Außer Hackbrett und Cembalo (und etwas dezenter Elektronik) kommt im “Master Song” eigentlich fast alles vor, was hier so herumliegt: Nyckelharpa, Flöten, Streichpsalter, eine Rauschpfeife und ein Glockenspiel. Das Glockenspiel hat meine Freundin Chelsea eingespielt – namenstechnisch war es sozusagen unvermeidlich, dass sie mitmacht, schon allein wegen “Chelsea Hotel”!

Wie hast Du es geschafft, so viele Instrumente zu lernen und wie häufig musst Du proben, um nicht eines zu vernachlässigen?

Bianca: Ach, das hat sich alles mit der Zeit so ergeben – es gibt ja so viele schöne Dinge, die interessante Töne machen! Das Hackbrett begleitet mich dabei am längsten (ursprünglich natürlich inspiriert von der Band Dead can Dance), alles andere kam nach und nach hinzu und durch jede Menge Bands und Projekte hat sich eine gewisse Bühnenfestigkeit eingestellt, die superwichtig ist – wenn man mit einer Sache noch nicht so viel Erfahrung hat, ist es in einer Auftrittssituation erst recht schwierig. Ich habe immer alles gleich mitgeschleppt, das hat abgehärtet und in der Übung bleibt man so auch.

Ich bin aber auf keinem Instrument ein Virtuose, für mich sind sie alle in erster Linie ein Mittel, um meine Ideen umzusetzen.

Mark: So ein Quatsch, als ich unser Video gesehen habe, habe ich fast geheult. Wenn Du nicht virtuos bist, dann ist es niemand. Zack!

Mark, Du hast vor kurzem erst dein Buch „Viren für Anfänger“ herausgebracht, bist ständig auf Achse, bald kommt dann auch noch Euer Album „We want it darker“ heraus. Wie schaffst du das alles?

Mark: Mehr arbeiten. Wie eins meiner Vorbilder, Gunther von Hagens, mal in der Kölner Ausstellung nachts um zwei vor der Eröffnung auf einem Kranwägelchen zu mir sagte: “Wenn Du doppelt so viel arbeitest, schaffst du doppelt so viel.” Mehr ist es gar nicht. Und natürlich: Kein Urlaub, kein “Wochenende”, das bringt nichts und bremst nur.

Mark, Du planst bestimmt schon das nächste Projekt: Worauf dürfen wir uns freuen?

Mark: Ich werde das Hackbrett von Bianca säubern. Sie treibt mich mit ihrer nonchalanten Art in den Wahnsinn, es einfach immer mehr — unter den Saiten — zustauben zu lassen. Das kann ich als Spurenkundler nicht hinnehmen.

Bianca: Und das ist nur eins von mehreren – Dir wird also nicht langweilig werden!

Musik

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